Brief des Seniors

 „Laßt die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr.“

Liebe Schwestern und Brüder,

mit dieser Ermutigung ist es so, als ob sie in unsere heutige Zeit hinein gesprochen wäre.
Wir erleben vielerorts einen Rückfall in nationalistisches, völkisches und autoritäres Denken, Handeln und Regieren. Meinungsvielfalt ist gefährdet und wird zum Teil öffentlich sanktioniert. Fake-News werden bewusst zur Desorientierung der Menschen eingesetzt. Politischer Erfolg wird auf Kosten von Minderheiten gesucht, die Beißreflexe funktionieren wie eh und je. Zugrunde liegt hier eine Reaktion der Angst, die sich mit Streben nach Macht verbindet. Dies alles ist polarisierend und auf eine bedrohliche Weise konfliktverschärfend. Deshalb ist für Christinnen und Christen diese Ermutigung gerade sehr notwendig: 
„Laßt die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr.“

Ursprünglich stand dieser Satz im „Darmstädter Wort“, vor 70 Jahren verantwortet von Theologen, die aus der bruderrätlichen Tradition der Bekennenden Kirche kamen. Die Verfasser waren Karl Barth und Hans Joachim Iwand, beteiligt waren Hermann Diem und Martin Niemöller. Die Veröffentlichung durch den Bruderrat der EKiD geschah am 8. August 1947. 
Daran möchte ich in diesem Jahr 2017 erinnern. Wer das Darmstädter Wort nachlesen möchte: Es ist über die Suchmaschinen im Internet zu finden. (z.B. hier)

Bei der damals vieldiskutierten Schuldfrage ging es den Verfassern darum, Schuld konkreter zu benennen, als dies im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ geschehen war, welches der Rat der EKiD am 19. Oktober 1945 gegenüber den Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen abgelegt hatte. Wirklich unzweideutig ist dort nur der Satz: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden.“ Die Formulierungen, wir haben „nicht mutiger bekannt“, „nicht treuer gebetet“, „nicht fröhlicher geglaubt“, „nicht brennender geliebt“ dagegen dienten zwar der Vermittlung der Schulderklärung in Kirche und Öffentlichkeit, sind aber schon kein unbedingtes Bekennen mehr. Bei der Warnung vor einem „Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will“ dachte man auch an das Verhalten der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, also an die Schuld der anderen.

Viele lutherische Theologen neigten dazu, das sogenannte „Dritte Reich“ im Nachhinein als ein dämonisches Phänomen zu begreifen, das nicht zu verhindern war. Dagegen Karl Barth: 
„Warum redet ihr immer nur von Dämonen? Warum sagt ihr nicht konkret: Wir sind politische Narren gewesen?“ Vor diesem Horizont ging es dem Bruderrat 1947 in Darmstadt darum, das Reden von Schuld nicht zu verunklaren, sondern konkrete Konsequenzen aus dem Barmer Bekenntnis und der Stuttgarter Schulderklärung zu ziehen. Dabei sollte auch die Situation solcher Gesellschaftsschichten ernst genommen werden, die in der Kirche kaum wahrgenommen wurden, wie die der Arbeiterschaft. Das Darmstädter Wort wurde deshalb ausdrücklich als ein „Wort zum politischen Weg unseres Volkes“ bezeichnet. In meiner Sprache würde ich sagen: Es ging um eine Theologie, die sich den Fragen konstruktiv stellt, die für eine Gesellschaft relevant sind.

Es soll hier freilich nicht verschwiegen werden, dass das Darmstädter Wort wegen seiner schonungslosen Analysen und seiner politischen Zuspitzungen sehr umstritten war. Konservative Theologen kritisierten eine einseitige linke Ideologisierung der Kirche und eine Vermischung der „Zwei Reiche“, wogegen der eigene politische Konservativismus theologisch nicht hinterfragt wurde. Kritik kam allerdings auch von ostdeutschen Mitgliedern der Bekennenden Kirche aufgrund der realen Erfahrungen mit dem stalinistischen Zwang in der Sowjetischen Besatzungszone. Der Rat der EKiD nahm das Darmstädter Wort nicht an. 
In Bayern wurde es so gut wie nicht rezipiert, auch nicht in der Pfarrbruderschaft.

„Laßt die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr“:

Der historische Ort dieses Zuspruches war der beginnende Kalte Krieg. Damals gab es eine große Angst vor weiteren bewaffneten Konflikten, die diesmal, mit Atomwaffen geführt, die Menschheit auslöschen könnten. Dass diese Ängste nicht unbegründet waren, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte: Mehrfach stand die Zukunft der Menschheit in der Zeit der atomaren Hochrüstung tatsächlich auf Messers Schneide. Man kann es durchaus so sehen, dass die Zeit, in der wir jetzt leben – so schwierig sie ist – eine von Gott geschenkte Gnadenzeit ist.

Im Stil kommt uns das Darmstädter Wort heute etwas arg pathetisch vor. Nicht jeder und jede wird aus heutiger Sicht auch alle seine Zuspitzungen teilen. Trotzdem meine ich, dass es uns aktuell etwas zu sagen hat. Drei seiner Thesen nenne ich dafür als Beispiel.

1. „Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert.“

Diese Einsicht ist eine Konsequenz aus der 5. Barmer These, wonach staatliche Formen im Licht des göttlichen Auftrages gesehen werden müssen und dürfen, in einer noch nicht erlösten Welt für Recht und Frieden zu sorgen. Das heißt, sie sind nach dem Maß menschlicher Einsicht veränderbar, weil sie an ihrer Funktionalität zu messen sind: ob und wie sie einen Beitrag dazu leisten, zu einem friedlichen, versöhnten Miteinander zu finden. Das betrifft dann auch alle Formen des menschlichen Zusammenlebens unterhalb der staatlichen Ebene. 
Diese Auffassung hilft den Christinnen und Christen, Fundamentalismus zu vermeiden und den Weg der Gesellschaft in die Moderne (und darüber hinaus) nüchtern und aufmerksam mitzugehen, ohne neu entstehende Probleme zu beschönigen.

2. „Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen not tut.“

Die Relevanz dieser These besteht darin, dass damals wie heute das „Abendland“ als Kampfbegriff zur Abgrenzung dient. Dabei wird die Gewaltgeschichte dieses Abendlandes verleugnet. Wenn heute gar von „christlich-jüdischem Abendland“ geredet wird, so werden diejenigen in diese Abgrenzungsstrategie vereinnahmt, die jahrhundertelang im Abendland ausgegrenzt und verfolgt wurden. Eine solche Verschleierung der Realitäten hat eine deutliche Parallele zum Umgang mit der Schuldfrage in konservativ-christlichen Kreisen nach 1945. Zudem wird hier die tatsächliche Vielfalt innerhalb Europas negiert.

Das Darmstädter Wort argumentiert an dieser Stelle sehr österlich. Statt sich ideologisch abzugrenzen, gilt es, „das Wort von der Versöhnung der Welt in Christus“ zu hören und sich davon im Umgang mit anderen leiten zu lassen – gerade heute angesichts der zunehmenden Polarisierung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens.

3. „Wir haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes kommenden Reich zur Sache der Christenheit zu machen.“

Ich habe den Eindruck, hier haben fast alle Kirchen und Glaubensgemeinschaften in den letzten Jahrzehnten eine ganz neue Dimension im Verständnis der Heiligen Schrift gewonnen, nämlich wie wesentlich in beiden Teilen der Bibel die materielle Gerechtigkeit im Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes ist, die in seinem Reich gilt. Dies kommt im Denken und im konkreten Handeln vor Ort in vielfältiger Weise zum Tragen. Gerade in den Ortsgemeinden wird das gelebt, was Dietrich Bonhoeffer in ungleich dramatischerer Situation als Hinwendung zu Christus beschrieb: „In der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten“ zu leben.

Als Pfarrerinnen und Pfarrer leisten wir unseren Dienst in der Regel nicht in Profil- oder Basisgemeinden, sondern in der Vielfalt der volkskirchlichen Situation, im Umgang mit Menschen, die ganz unterschiedliche religiöse, weltanschauliche und politische Orientierungen haben. Indem wir „die freie Gnade Gottes ausrichten an alles Volk“ (Barmen 6), stellen wir uns der pluralen Wirklichkeit. In ihr ist Jesus Christus gegenwärtig mit der Macht seiner Liebe, die die Mächte des Todes zu überwinden vermag.

Lassen Sie sich herzlich zu unserer Pfingsttagung ins RPZ Heilsbronn einladen (5.-7. Juni).

Sie stellt sich der Wirklichkeit und den Herausforderungen des Pfarrdienstes diesmal aus der Sicht derer, die als Schwestern und Brüder ihren Dienst in der Kirche soeben aufnehmen. 
Das Thema lautet: „Was die Kirche von ihrem Nachwuchs lernen kann. Die ersten Berufsjahre als Brennglas pastoraler Probleme.“ Referentin ist PD Dr. Julia Koll, Studienleiterin an der evangelischen Akademie Loccum.

Es wird eine ganz besondere Tagung sein: Sie findet in Kooperation mit der Vereinigung Bayerischer Vikarinnen und Vikare, Pfarrerinnen und Pfarrer (VbV) statt, mit der wir uns seit einigen Jahren austauschen. Das Gespräch über die Generationen hinweg und das Interesse füreinander, das uns schon immer wichtig war, soll diesmal also besonders prägend sein – Familienfreundlichkeit wie immer inbegriffen.

Bis dahin herzliche Grüße und einen gesegneten Dienst in der österlichen Zeit,

Ihr/Euer

Frieder Jehnes (Senior)