Brief des Seniors - Weihnachten 2018

„Hin zur Weisung und hin zur Offenbarung!“
Jesaja 8, 20


Liebe Schwestern und Brüder,


als wir im Rat vor zwei Jahren unsere Januartagung 2019 mit dem Thema „Karl Barth und das Nichtige“ planten, da konnten wir es noch nicht wissen:

Das kommende Jahr wird auf Anregung des Reformierten Bundes als „Karl-Barth-Jahr“ begangen. Nicht aufgrund des Geburts- oder Todesjahres (Karl Barth starb am 10. Dezember 1968 und damit vor ziemlich genau 50 Jahren), sondern, was ich sehr gut finde, aus einem inhaltlichen Grund: 1919 erschien Barths Kommentar zum Römerbrief – wesentlicher Impuls für die Dialektische Theologie und insofern epochal, weil deren Ansatz die theologischen Debatten auf lange Sicht „aufgemischt“ und verändert hat.

Ausgangspunkt war die Erschütterung darüber, dass und wie Barths liberale Lehrer trotz der Modernität ihrer Theologie dazu imstande waren, Nationalismus und Krieg zu rechtfertigten. Die Klarheit, mit der heute ein bayerischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender zum wiedererwachten Nationalismus Stellung bezieht, ist auch ein Ertrag des von Karl Barth wesentlich mit angestoßenen Paradigmenwechsels: Wer sein eigenes Land oder seine eigene Volksgruppe erhöht und gegen die anderen in Stellung bringt, produziert Hass, irgendwann Gewalt und am Ende vielleicht sogar wieder unzählige Tote. Deswegen sage ich: Nationalismus ist eine Erscheinungsform von Sünde.“ [Heinrich Bedford-Strohm: Warum Nationalismus Sünde ist, z.B. in: chrismon 04.2017; ähnlich bei einer Feier zum Reformationsjubiläum und zum Tag der deutschen Einheit am 2.10.2017 in Ingolstadt]

Meinen eigener Zugang zu Barth fand ich über eine Fragestellung, die ihm selbst vermutlich, weil zu anthropozentrisch, gar nicht entsprochen hätte: Auf der Suche nach Glaubwürdigkeit von Kirche, Gemeindeleben und Glaubenspraxis wurde in mir schon als Schüler und dann erst recht im Studium das Interesse an der Bekennenden Kirche geweckt. Deshalb fand ich auch den Weg in die Pfarrbruderschaft.

In den letzten Jahrzehnten wurde vielfach gefragt, ob Barths „einseitig“ am Christusgeschehen orientierter und damit sehr positioneller Ansatz in der Situation der gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Vielfalt noch zeitgemäß ist. Liberalere Ansätze und insbesondere die religionswissenschaftliche Dimension der theologischen Arbeit wurden wiederentdeckt und weiterentwickelt. Mir selbst brachte etwa die Beschäftigung mit Paul Tillich durchaus eine Horizonterweiterung, weil er sich als theologischer Grenzgänger verstand, was mir persönlich sehr entspricht. Trotz der stärkeren Betonung von religionsphilosophischen Fragen bleibt Tillichs Ansatz aber der dialektischen Einsicht verpflichtet, dass direkte menschliche Zugriffe auf Gott nicht zulässig sind - samt der Frage, wie man Gott dennoch sachgerecht zur Sprache bringen kann.
Das Karl-Barth-Jahr bietet nun die Möglichkeit, den Blick wieder auf Barth zu richten und nach der bleibenden Relevanz seiner Theologie zu fragen. Ein wichtiger Impuls, der von ihm ausgeht ist meiner Auffassung nach neben dem dialektischen Ansatz die Ermutigung zu Freiheit und Klarheit.

Einige Konsequenzen in Vergangenheit und Gegenwart möchte ich kurz anreißen:

Erstens: Barths Konzentration auf Jesus Christus hat zumindest Teilen der Bekennenden Kirche dazu verholfen, den totalitären und menschenverachtenden Charakter des Nationalsozialismus klar zu sehen und zu benennen.
Nach 1945 hatte Karl Barth die Freiheit, davor zu warnen, Versagen und Schuld religiös zu verschleiern: „Warum redet ihr immer nur von Dämonen? Warum sagt ihr nicht konkret: Wir sind politische Narren gewesen?“

Zweitens ist mir im Anschluss an Barth die Freiheit von Vereinnahmung wichtig, und zwar im doppelten Sinne:
Einerseits, dass wir uns als Christinnen und Christen nicht von Sachzwängen, Sorgen und Ängsten in Beschlag nehmen lassen, und auch nicht von Ereignissen, Erlebnissen und Stimmungen, weil uns durch Christus „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ widerfährt (Barmen II).
Andererseits, dass wir das uns vielfach begegnende religiöse Suchen der Menschen unserer Zeit nicht zu schnell für uns vereinnahmen, zumal der missionarische Gewinn der Vereinnahmungsversuche eher gering sein dürfte, weil die Menschen dafür ein feines und kritisches Gespür haben.

Drittens: Theologie kann durchaus als Handwerk und die Gestaltung von Glaubensvollzügen und Spiritualität als Kunst verstanden werden. Das bringt allerdings in der Praxis die Gefahr mit sich, sich Gott sozusagen „handhabbar“ zu machen. Ein Gott, der handhabbar gemacht wird, kann niemandem helfen und weiterbringen. Sich dessen bewusst zu sein ist ein bleibender Ertrag des dialektischen Ansatzes: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.“ [Karl Barth in: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922]

Ich empfinde den ersten Satz des Barmer Bekenntnisses auch spirituell gesehen, auch im Gespräch mit den religiös suchenden Menschen unserer Zeit als tiefgreifend und anspruchsvoll, und so muss es auch sein: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

In diesem Zusammenhang ganz kurz zu Advent und Weihnachten:
Gott kommt auf eine Weise auf uns zu, wie es eigentlich allen menschlichen Erwartungen an dem, was göttlich ist, widerspricht. Er macht sich klein und verletzlich – für uns, für die Menschen. Gott wird Mensch und bleibt gerade so der „ganz Andere“. Macht wird ohnmächtig, Ohnmacht mächtig. Jedes Jahr im Advent und zu Weihnachten dürfen wir dieses Wunder neu entdecken, weitergeben und mit den Menschen teilen, mit denen wir Gottesdienst feiern.

Das Nichtige“: Prof. Matthias Wüthrich aus Zürich wird mit uns an dieser eigentümlichen Denkfigur in der Theologie Karl Barths im Hinblick auf das Böse arbeiten. Wir haben dieses Thema auch vor dem Hintergrund heutiger Zeiterscheinungen gewählt. Herzliche Einladung dazu am 7. Januar nach Nürnberg-St. Jobst. Daran anschließend das Thema der kommenden Pfingsttagung: „Wahrheit und Lüge“ mit Prof. Cornelia Richter aus Bonn. Den Mächten die Macht bestreiten“ lautete eines unserer früheren Tagungsthemen. Im Hinblick auf die Macht der Algorithmen und der Fake-News gefragt: Wie leben und vertreten wir christliche Freiheit heute – als Christinnen und Christen und auch als Kirche?

Eine gesegneten Advent, gute Gedanken und frohe Gottesdienste wünscht im Namen des Rates der Schwestern und Brüder

Ihr/Euer Senior
Frieder Jehnes