Brief des Seniors - Ostern 2022

Bayreuth, vor Palmsonntag 2022

 „Krieg ist das Sinnloseste, was es auf der Welt gibt!“

Diesen Satz, liebe Schwestern und Brüder, nehme ich mit aus den zahlreichen Andachten zum Volkstrauertag, die ich in den vergangenen 20 Jahren mitgestaltet habe. Aus einer ursprünglich lästigen Pflichtübung wurde immer mehr ein sehr bewusstes Dabeisein. In unserem Friedhof in Bayreuth-St. Georgen gibt es eine große Kriegsgräberstätte. Dort sind nicht nur deutsche Opfer des Zweiten Weltkrieges begraben und auch nicht nur Soldaten. 

„Krieg ist das Sinnloseste, was es auf der Welt gibt“:
Dieser Satz wurde im Jahr 2004 von einem sogenannten Umbetter ausgesprochen. Das ist ein Mensch, der im Auftrag des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge an aufgefundenen menschlichen Überresten Identifikationen vornimmt, um die Toten der Anonymität des massenhaften Tötens und Sterbens zu entreißen und anschließend für eine würdige Bestattung zu sorgen. Das kann auch heute noch die Nachkommen trösten.

Die Feier, die mich am stärksten bewegt hat, war die im vergangenen Jahr 2021. Einer der Bayreuther Reserveoffiziere war auf ein Denkmal aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 aufmerksam geworden, das auf unserem Friedhof völlig vergessen war; selbst die meisten Alteingesessenen kannten es nicht. Es war im Gedenken an sechs Franzosen errichtet worden, die in St. Georgen in der Gefangenschaft verstorben waren. Es handelte sich um einfache Soldaten, die sich wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse auf engstem Raum Infektionskrankheiten wie Typhus und Blattern zugezogen hatten. Den Offizieren blieb das erspart, denn die durften ihre Gefangenschaft bei Privatleuten verbringen und sich „auf Ehrenwort“ in Bayreuth frei bewegen. Nur ein klitzekleines Mosaiksteinchen in einem riesigen, sich immer von Neuem wiederholenden Irrsinn. Eigentlich kaum mehr der Rede wert nach 150 Jahren. Was ist das schon gegen die Gewalt, die sich jetzt Bahn gebrochen hat? Doch jener in Deutschland nationalistisch verklärte Krieg war der erste, der mit modernen Vernichtungswaffen geführt wurde.  

Nach dem Besuch eines Vortrages im Evangelischen Bildungswerk zum gleichen Thema erwarb ich die „Fröschweiler Chronik“ -  Bericht eines Pfarrers aus dem Elsass, der im Jahr 1870 ungeschminkt und ohne das damals übliche nationalistische Pathos berichtet hatte, welches Ausmaß an Zerstörung, Tod und Leid die Menschen seines Dorfes ertragen mussten, das ungefragt zwischen die Fronten dieses Krieges geraten war. Auch das nur ein kleines regionales Beispiel für den Schrecken moderner Kriege, aber durch immer perfektere Vernichtungswaffen vielfach gesteigert bis heute. Von Fröschweiler bis Butscha ist es zwar ein weiter, aber in der Kriegslogik sehr stringenter Weg. 
Die Ansprachen bei der letztjährigen Feier, auch die des Offiziers, hätten auf jeder Demonstration der Friedensbewegung ihren Platz haben können!

„Krieg ist das Sinnloseste, was es auf der Welt gibt“ - auf diesen Satz konnten wir uns alle verständigen: Ich, der ich die Option militärischer Gewaltanwendung und ihre Vorbereitung von Jesus her, ganz schlicht gesagt, weder für erlaubt noch für geboten halte, wie auch die  anwesenden Reservisten, die im Ernstfall mit ihrem Einsatz rechnen müssten, auch wenn niemand von ihnen das will und es auch nicht mehr für denkbar hielt.

Über all die Jahre durfte ich erfahren, dass wir trotz eines unterschiedlichen Ausgangspunktes beträchtliche Schnittmengen bei unseren Auffassungen haben. Ich respektierte die mir völlig fremde ritualisierte Trauergestaltung der Soldaten als Ausdruck einer ehrlichen Nachdenklichkeit; sie zeigten sich dankbar und aufgeschlossen für meine biblischen Impulse, zusammen mit den Aktiven der Feuerwehr und den wenigen noch verbliebenen Angehörigen der Weltkriegstoten. Die jeweils aktuellen Kriege und Konflikte wurden stets mit eingeschlossen in das Gedenken. Wir entwickelten im Grunde eine Art Übereinkunft darüber, dass es in komplizierten ethischen Fragen nicht nur eine einzige Wahrheit gibt; dass man also verantwortlich getroffene Entscheidung anderer verstehen und akzeptieren kann, wenn man nur eine gemeinsame Grundauffassung teilt. In diesem Fall: „Krieg ist das Sinnloseste, was es auf der Welt gibt“. Oder christlich gesagt: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, wie die 1. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Amsterdam 1948 nach dem Horror der beiden Weltkriege feststellte. 

Von Jesus her halte ich die Option für militärische Waffengewalt weder für erlaubt noch für geboten: Für mich ist das auch in unserer heutigen Situation nicht einfach nur Gesinnungsethik, sondern so wahr wie realitätsbezogen. 
Als ich die Feststellung des Weltkirchenrates von 1948 in die Suchmaschine des Internets eingab, stieß ich zufällig auf eine Erklärung des bisherigen badischen Landesbischofs Jochen Cornelius-Bundschuh anlässlich des 100-jährigen Endes des 1. Weltkrieges im Jahr 2018. Daraus ein Zitat:

„Die Erinnerung an die Schrecken der beiden Weltkriege ist in Europa noch lebendig, aber sie verblasst zunehmend. Nationalistische Parolen in vielen europäischen Ländern und steigende Militärausgaben zeigen: Der Krieg ist wieder zu einem zentralen Mittel der Politik geworden, obwohl er in keinem der zahlreichen aktuellen Konflikte in Afghanistan, Syrien, der Ukraine, dem Jemen, dem Südsudan, in Nigeria und anderen Ländern bisher zu nachhaltigen politischen Lösungen geführt hat. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an die Opfer der Kriege zu bewahren. Sie bleiben eine Mahnung an uns Nachfolgende, sich für einen gerechten Frieden, zivile Konfliktlösungen und Gewaltfreiheit einzusetzen.“

Ich sehe auch nach der von Bundeskanzler Scholz proklamierten „Zeitenwende“ nichts, was an dieser Analyse falsch oder überholt sein sollte.
Sämtliche Unternehmungen auf internationaler Ebene, mit denen in den letzten drei Jahrzehnten versucht wurde, Frieden unter dem Einsatz von Waffengewalt herbeizuführen, sind entweder gescheitert oder haben nicht zu einem nachhaltigen Frieden geführt.

Aber wie soll man mit der dringenden Bitte der Ukraine, mit Waffenlieferungen Beistand zu leisten, damit sie nicht schutzlos dem Aggressor ausgeliefert ist,  angemessen umgehen? Muss man sich dem Bösen nicht entschlossen entgegen stellen, damit es sich nicht weiter ausbreitet? Hat ein Land nicht das Recht, sich gegen einen verbrecherischen Angriffskrieg zu wehren? Moralisch und auch nach gültigem internationalen Recht auf jeden Fall!
Ich kann auch emotional sehr nachvollziehen, dass die westliche Politik unter der Wucht der Nachrichten, Bilder und Ereignisse jetzt keine andere Chance sieht, als mit Waffenlieferungen an die Ukraine und einer Stärkung der NATO-Ostflanke zu reagieren. Auch ich fühle mich innerlich zerrissen. Für die Bilder, die uns in diesen Tagen aus den vom Krieg heimgesuchten Gebieten erreichen, kann man ja gar keine angemessenen Worte finden. Niemand von uns kann und mag sich ein solches Grauen vorstellen. Ich sehe das ethische Dilemma. Trotzdem bleibe ich zutiefst skeptisch, wenn es um die Frage geht, ob Waffengewalt diesen Krieg wirklich eindämmen kann. Zumal wir, anders als beim Kampf der Völker gegen die NS-Barbarei, im Zeitalter atomarer Vernichtungswaffen leben, und damit die militärischen Mittel, dem Bösen in den Arm zu fallen, begrenzt sind. Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber mag jede und jeder selbst nachdenken.

Ja, der Krieg der Putindiktatur gegen die Ukraine ist böse. Und die ungeheuerliche Lügenpropanda, mit der dieser Krieg vorbereitet wurde und jeden Tag gerechtfertigt wird, ist böse. Die bewusste Steuerung eines Landes in den Totalitarismus und die systematische Zersetzung von Freiheit und Demokratie über die eigenen Grenzen hinaus ist böse. 
Aber deshalb sind wir selbst – und damit meine ich auch „den Westen“ insgesamt – noch lange nicht einfach die Guten! So zu empfinden, ist gerade jetzt eine Versuchung.

Kritische Fragen an uns selbst dürfen über den bedrückenden Nachrichten und Bildern nicht verdrängt werden. Zum Beispiel:
Gab es in den letzten Jahren in manchen Teilen unserer Gesellschaft – medial vielfach verstärkt – nicht eine zunehmende Akzeptanz für ein längst vergangen geglaubtes Macho- und Heldentum? 
Welche Rolle spielt ein übersteigerter Nationalstolz für die Entstehung von internationalen Konflikten?
Ist der verschwenderische Lebensstil in den wohlhabenden Ländern nicht auch eine Art Krieg mit schlimmen Folgen für sehr viele Menschen in armen Ländern? 
Wie steht es um die demokratischen Werte tatsächlich, wenn sie letztlich an das Geld und an die Sicherung des Wohlstandes gebunden sind?
Stichwort „Zeitenwende“:
Wie viele verbrecherische Kriege hat es in den vergangenen Jahrzehnten in zahlreichen Regionen dieser Erde gegeben? War die Weste des Westens dabei immer weiß? Nur ein Beispiel von vielen: Auch der zweite Irakkrieg im Jahr 2003 wurde mit Lügen vorbereitet; Ergebnis: hunderttausende von Toten und nachhaltige Destabilisierung einer ganzen Region. Nur wurde die Macht der Bilder hier sehr bewusst reguliert. Es ging uns nahe, aber nicht in dem Maße wie jetzt. 

Nun müssen Unsummen aufgebracht werden, die anderswo schmerzlich fehlen werden. Und es besteht eine große Gefahr, dass wir wieder in dieselbe gefährliche Lage kommen, in der wir zur Zeit der Auf- und Nachrüstung mit SS-20 und Pershing-II Raketen in den 80er Jahren waren. Bereits eine Fehleinschätzung über einen gegnerischen Angriff hätte bei den geringen Vorwarnzeiten damals zum Atomkrieg führen können. Es ging bei den damaligen Friedensdemos eben auch um solche realpolitische Fakten. Im Nachhinein erfuhren wir, dass im Herbst 1983 nur ein besonnener russischer Offizier namens Stanislaw Petrow die maximale Katastrophe verhindert hat. Es war eine Minutenentscheidung unter ungeheurem Druck, den atomaren Gegenschlag nicht in Gang zu setzen. Dieses Beispiel macht freilich auch Hoffnung, dass es in Russland trotz der Macht der Lügenpropaganda und trotz aller Unterdrückung Menschen mit Herz, Mut und Verstand gibt. Und dass ein Regime, das nur auf Gewalt und Unterdrückung aufbaut, auf tönernen Füßen steht und langfristig keinen Bestand haben wird.

Als Bundeskanzler Scholz am 27. Februar nach sehr guten und bewegenden Worten 100 Milliarden Euro neue Schulden für die Nach- und Aufrüstung der Bundeswehr und eine starke Erhöhung des Wehretats ankündigte, brach im Bundestag großer Jubel aus. Mir ist das unheimlich. Angemessen gewesen wäre stattdessen eine Schweigeminute als Ausdruck der tiefen Trauer und Bestürzung über eine solche Entwicklung. 
100 Milliarden: Warum war man nicht bereit, solche Mittel für eine nachhaltige Bekämpfung der zivilisationsbedrohenden Klimakatastrophe locker zu machen? Für die stets klammen sozialen Dienste in unserer Gesellschaft, die um jeden Cent betteln müssen? Für die Pflege? Für die Jugendhilfe? Für marode Schulen? Für den sozialen Wohnungsbau und sozialen Ausgleich? Für Geflüchtete? Für noch viel entschiedenere Anstrengungen zur Überwindung von Armut und Hunger in der Welt? Hier hätte man schon längst sehr nachhaltig in den Frieden investieren können. Jetzt wird der Entwicklungsetat auch noch um 1,6 Milliarden Euro gekürzt.

Ich versuche, meiner Verantwortung als Christ so gerecht zu werden, dass Jesus der Ausgangspunkt meiner ethischen Urteilsbildung ist. Es gibt im ganzen Evangelium von Jesus Christus kein einziges Wort, mit dem man ein „Frieden schaffen mit Waffen“ rechtfertigen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Jesus geht konsequent den Weg der Gewaltlosigkeit. Er reitet auf einem Esel und nicht auf einem gepanzerten Schlachtross in die Stadt Jerusalem. Er präsentiert sich als Alternative zu den Herrschern seiner Zeit. Er lehnt es ab, zu seiner Verteidigung die himmlischen Heerscharen in Anspruch zu nehmen und sagt eindeutig: „Wer das Schwert in die Hand nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ Es wäre unfruchtbarer Fundamentalismus, wenn ich hier einzelne Worte und Taten Jesu herauspicken würde. Aber sind nicht nur einzelne Worte. Wir haben, was Jesus betrifft, ein klares Gesamtbild.

Allerdings gibt es sehr viele Bilder und Geschichten im Neuen Testament, die völlig ungeschönt zeigen, wie Menschen unter der Gewalt und Willkür der Mächtigen leiden müssen. Oder auch, wie sie der Propaganda unterliegen. Jesu Verheißung lautet: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Mag sein, dass dieser Trost für Manche schwer erträglich ist. Ich ringe selbst ständig mit mir darüber, ob das denn wirklich trägt. Jesus begegnet meinem Zweifeln mit seinem Heilandsruf: 

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ 

Das ist nicht nur Trost für alle Geschundenen und Geplagten. Es ist auch eine ethische Ermutigung, im Glauben an ihn ein alternatives Handeln zu riskieren, über die Logik von Gewalt und Gegengewalt hinaus. Dass wir zivile und gewaltfreie Methoden der Konfliktlösung in uns so lange lebendig halten, bis die Zeit gekommen ist, sie wieder ins Spiel zu bringen. Gewaltfrei ist nicht dasselbe wie wehrlos, es müsste nur entschlossen trainiert werden. Dazu braucht es einen politischen Willen, Mittel zur Organisation und innere Kraft und Stärke. 

Möge Gott uns auch diesmal die Gnadenfrist schenken.
Und möge er Wege zeigen, wie das Leid der Opfer gelindert werden kann.
Möge er das Herz der Gewalttäter erweichen und ihre eiskalte Rationalität aufbrechen, auf dass aus den Herzen aus Stein Herzen aus Fleisch werden, um ein Bild aus dem Propheten Hesekiel aufzugreifen. Darum gilt es zu beten. Dazu haben wir Jesu klares Mandat.

Wenn ich an das bevorstehende Osterfest denke, dann könnte in diesem Jahr ein Lied von Friedrich Hofmann aus dem Jahr 1985 besonders relevant werden [EG 558]:

1. Ich hör die Botschaft: Jesus lebt!
Doch seh ich nur: Die Welt erbebt,
weil Krankheit herrscht und Tod und Krieg.
Wo find ich Jesu Ostersieg? 
Herr, steh mir bei!

2. Ich hör die Botschaft: Jesus lebt!
Ob dem nicht alles widerstrebt,
was täglich unsre Welt bedroht:
der Bosheit Trug, Gewalt und Not? 
Herr, steh mir bei!

3. Ich hör die Botschaft: Jesus lebt!
Herr, hilf, dass sich mein Herz erhebt
aus Kummer, Zweifel, Angst und Leid!
Mach es für deinen Trost bereit!
Herr, steh mir bei!

4. Ich hör die Botschaft: Jesus lebt!
Ihr Boten, die ihr Hoffnung gebt,
führt mich zum Auferstandnen hin,
dass ich bei ihm geborgen bin!
Herr, steh mir bei! 

Ostern ereignet sich „Trotz alledem!“

  

Liebe Schwestern und Brüder,

der aktuellen Situation wollen wir Rechnung tragen, indem wir bei der Pfingsttagung die Einstiegsrunde am Pfingstmontag um 20.00 Uhr als friedensethischen Austausch mit unserem Referenten, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, gestalten. 
Ich meine, das ist doch noch einmal ein zusätzlicher Anreiz, zu kommen. 
Wir freuen uns über Anmeldungen bis zum 1. Mai!

Als ausgewiesenen Ethiker haben wir in Heinrich Bedford-Strohm einen besonders kompetenten Gesprächspartner; als Bischof pflegt er einen direkten Kontakt mit seinem ukrainischen Kollegen Pavlo Shvartz und den evang.- lutherischen Gemeinden dort. Er hat somit ganz unmittelbare Eindrücke von der bedrängenden Situation.

Ich habe von ihm die Erlaubnis erhalten, dass wir allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Pfingsttagung seine aktuellen Überlegungen zur Friedensethik vorab zusenden. Veröffentlicht werden sie im Aprilheft der Herder-Korrespondenz.

Ich wünsche Ihnen und Euch
viel Kraft und auch eine österliche Hoffnung in dieser Zeit.

Ihr / Euer





Frieder Jehnes