Brief des Seniors - Weihnachten 2019

„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Matthäus 5,5

 „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit,Güte, Treue, Sanftmut, Maßhalten.“
Gal. 5, 22-23

 „Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt.“
1. Johannes 2,8

 Liebe Schwestern und Brüder,

das Licht einer Kerze – für mich eines der schönsten Symbole für das, 
was Jesus Christus für uns sein will und sein kann:  
Licht des Lebens, Licht der Welt.

Eine Kerze brennt nicht grell und aufdringlich.
Ihr Licht ist sogar gefährdet. Ein einziger Windstoß kann sie ausblasen.
Das Licht, das in die Dunkelheit der Welt leuchtet, ist gefährdet und schutzbedürftig!

Im Zusammenhang mit diesen Gedanken habe ich mich an das Motiv erinnert, das ich im Jahr 2005 bei einer Aufführung des Weihnachtsmusicals von Michael Lippert in der Bayreuther Ordenskirche aufnehmen durfte. Was die Gesichter der Kinder zum Ausdruck bringen, nachdem sie (wenn auch nur im Spiel) gerade mit Herodes konfrontiert wurden, ist kaum zu beschreiben; in meiner Wahrnehmung geht das sehr tief.

Wie schutzbedürftig Jesus ist, und zwar nicht nur als wahrer Mensch, erfahren wir bereits in den Geschichten von seinem Kommen in unsere Welt. Sein Leben, das sich (wie eine Kerze im Übrigen auch) für andere selbst verzehrt, war zu keiner Zeit unangefochten. Spätestens bei seinem schrecklichen Tod am Kreuz zeigt sich, wie bedroht dieses Licht des Lebens ist und alles, was damit auf dem Spiel steht. 

Oft, so scheint es, ist die Macht des Dunklen stärker als das sanfte Licht der Kerzen, das ich mit Jesus, dem Licht der Welt und dem Licht unseres Lebens, verbinde.
Es ist aber Gottes Liebe und sein Wille zur Gerechtigkeit, mit dem er dafür Sorge trägt, dass das Licht des Lebens nicht verlischt.
Immer wenn wir eine Kerze anzünden, können wir daran denken:
Wenn wir an der Osterkerze ein Licht für jeden Verstorbenen am Ewigkeitssonntag anzünden als Zeichen der Hoffnung.
Wenn wir an jedem Sonntag im Advent eine weitere Kerze am Adventskranz anzünden als Zeichen der Erwartung und der Vorfreude. 
In diesem Zusammenhang eine für mich wesentliche Erinnerung:
Das Licht der Kerzen und der Ruf „Keine Gewalt“ waren der Kern der friedlichen Revolution in der Mitte Deutschlands und Europas vor 30 Jahren. Dazu dieses Schild: „Nikolaikirche – offen für alle“ als Symbol für das, was sich in vielen Kirchen zwischen Rostock und Plauen ereignete.  Menschen mit ganz unterschiedlichen Motivationen, Hoffnungen, Erwartungen fanden in einer Situation äußerster Anspannung in den Kirchen Gehör, Geborgenheit und ein Stück Wegweisung. Auch solche Menschen, die sich selbst als nicht gläubig einschätzten. 

Warum diese in der Weltgeschichte einzigartige gewaltfreie Revolution der Kerzen im Bewusstsein unserer Gesellschaft zur „Wende“ geschrumpft ist (ein Begriff von Egon Krenz, dem letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR), beschäftigt mich immer wieder, weil es ja eigentlich beschämend ist. Nur ein Teil meiner Gedanken hierzu:

Ich verkenne nicht, wieviel Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit es von vielen Menschen aus der alten Bundesrepublik gegeben hat und was die Menschen in der ehemaligen DDR in kürzester Zeit leisten und neu entwickeln mussten. Ich verstehe auch, dass sich viele Erwartungen der Menschen vor allem auf eine Verbesserung ihrer materiellen Situation ausgerichtet hat und nicht auf die Entwicklung einer erneuerten politischen Kultur. 
Doch wenn die Erwartungen der Menschen in erster Linie materiell ausgerichtet sind, dann hat das seinen Preis. Der bald nach der Grenzöffnung aufkommende Ruf „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh‘n wir zu ihr“ und die damit in Gang gesetzte politische Dynamik wurde leider für nicht Wenige zum Bumerang. Und der letztlich nur vorübergehende politisch-moralische Sieg des Westens führte zu neuen, weltweiten Konflikten und zum Durchbruch eines ungezügelten Finanzkapitalismus. Weltweit kam es seit 1990 zur Vermehrung von Wohlstand einerseits und zu destabilisierenden Verwerfungen und sozialen Gegensätzen andererseits, die heute mit immer größerer Macht aufbrechen. Vergessen wir nicht: Nur drei Monate nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 wurde der erste Irakkrieg geführt, bei dem es vordergründig um internationales Recht ging, noch mehr aber um Einfluss in einer der wichtigsten erdölfördernden Regionen der Welt. 

Politische Entwicklungen sind geistlich gesehen immer mehrdeutig. Dass aber das sanfte Licht der Kerzen die friedliche Revolution vor 30 Jahren im Kern prägen durfte, gerade in der Situation, in der alles auf Messers Schneide stand,  begreife ich als Gnade. Somit ist Gewaltlosigkeit im Namen Jesu keine unrealistische Utopie mehr, sondern Teil unseres realen Erfahrungsschatzes. Das Licht der Kerzen und der Ruf „Keine Gewalt“ hatten die Kraft, vor 30 Jahren Mauern und Grenzen zu Fall zu bringen. Das ist ein bleibendes Vermächtnis auch für unsere Zeit, in der gewaltsame Lösungen zur Durchsetzung eigener Interessen als immer selbstverständlicher und plausibler erscheinen. Langmut, Sanftmut, Güte und Maßhalten führen am Ende zum Ziel einer nachhaltigen Gerechtigkeit und zum Frieden.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich bitte Euch, ich bitte Sie, drei wichtige Punkte wahrzunehmen:

  • Unsere Tagung am 13. Januar in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. Dass eine solche Begegnung notwendig ist, versteht sich von selbst. Bitte achten Sie auf die Modalitäten der Anmeldung, die aus Sicherheitsgründen leider erforderlich sind.
  • Pfingsten 2020 steht die Wahl zum Rat der Schwestern und Brüder an.
    Bitte machen Sie sich Gedanken über mögliche Kandidatinnen und Kandidaten. 
    Der Aufruf des Wahlausschusses ist beigefügt.
  • Und schließlich geht es um eine Frage, die sowohl unser Selbstverständnis betrifft als auch die Art und Weise, wie wir öffentlich wahrgenommen werden: Wir müssen (nach immerhin 23 Jahren) auf der Basis gewichtiger Beobachtungen und Überlegungen nochmals über unseren Namen „Pfarrbruderschaft“ nachdenken. Die ausführlichen Gedanken dazu liegen zusammen mit den Vorschlägen des Rates der Schwestern und Brüder ebenfalls bei.

Einen gesegneten Advent und hoffentlich bis zur Januar- oder auch zur Pfingsttagung,

Ihr und Euer Frieder Jehnes
(Senior)