Brief des Seniors - Weihnachten 2020

„Liebe Grüße aus der Verwaltung des Irrenhauses“ -

Mit diesem spontanen Ausdruck der Verzweiflung, wenn auch nicht ohne Humor, unterzeichnete eine meiner Kolleginnen eine Mail, als wir mal wieder genötigt wurden, unsere sorgfältig erstellten Planungen in der Gemeinde umzuwerfen. Krass und tröstlich zugleich. Es kann nämlich schon auch ein wenig trösten, wenn sich jemand anderen gegenüber so ungeschützt öffnet und einfach mal ehrlich ‚rauslässt, wie ihm oder ihr zumute ist.  Tröstlich, weil damit klar wird: Du bist mit deiner Ratlosigkeit und deinen Enttäuschungen nicht allein. Schließlich geht es, ganz abgesehen von den Sorgen um die Gesundheit der mir anvertrauten Menschen und auch der eigenen, zurzeit wohl allen so: 
Da meinte man unter großen Mühen einen Weg gefunden zu haben, wie gemeinsam gelebte Spiritualität und Begegnung möglich ist, aber dann ist wieder alles zur Makulatur geworden. Wenn es immer wieder so kommt, ist das zermürbend. 

So geht es uns in unserer Theologischen Weggemeinschaft auch mit unserer Tagungsplanung.

Mit der Jugendkirche LUX hatten wir für die Januartagung einen Raum aufgetan, der uns ein Treffen auf Abstand und mit MNS sehr gut ermöglicht hätte. Doch mit Inkrafttreten der 9. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung sind Präsenzveranstaltungen bis auf weiteres nicht mehr möglich. Wir hätten freilich auch von uns aus die Reißleine gezogen angesichts einer aktuellen Inzidenzzahl in Nürnberg von 400 mit völlig unsicherer Perspektive. Viele unserer Mitglieder würden es wohl kaum wagen, bei einer solchen Gefährdungslage nach Nürnberg zu kommen.

 Absagen wollten wir die Januartagung trotzdem nicht, dazu ist uns das Thema zu wichtig:

„Extinction Rebellion: Widerstandsformen im Raum der Kirche. Revolution – Rebellion – Gebet?“ Die Tagung wird nun digital via Zoom stattfinden, und zwar nachmittags. Dazu gibt es noch eine Extra-Mail bzw. Extrapost von unserem Geschäftsführer Mark Meinhard.

 „Corona“ lässt Selbstverständlichkeiten ins Wanken kommen, schrieb Fulbert Steffenski in der Juniausgabe von „Zeitzeichen“: Umarmungen, Berührungen, Konzertbesuche; miteinander essen, miteinander feiern, sich unbefangen begegnen; Kranke uneingeschränkt besuchen. Gute und hilfreiche Gedanken zu dieser Situation konnte man in den letzten Monaten vielfach hören und lesen. 
Ich finde: Die christliche Verkündigung war und ist nicht stumm und schon gar nicht inhaltsleer gewesen in dieser Zeit. Wer eine mangelnde Wahrnehmung oder Relevanz unserer Verkündigung beklagt, der möge bitte bedenken: Das Gehörtwerden oder Nichtgehörtwerden in der Öffentlichkeit geschieht heute unter ganz anderen Voraussetzungen als früher.

Schon in den vergangenen Jahrzehnten war es sehr wohl Teil der christlichen Verkündigung, vor allzu großer Selbstzufriedenheit zu warnen samt einer Sicherheit, die in Krisenzeiten nicht trägt. Aber wenn die Krise dann so massiv ins Gewohnte einbricht, dann bleibt einem das innere Ringen nicht erspart samt der damit verbundenen Anfechtungen. Ich möchte anhand zweier Texte, die mir immer sehr wichtig waren, zeigen, wie ich das meine.

In vielen Predigten der vergangenen Jahrzehnte wurde Dietrich Bonhoeffers Glaubensbekenntnis in Erinnerung gerufen:

"Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben
will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. 
Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und daß es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, daß Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern daß er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Dieses Bekenntnis aus den Gedanken „Nach zehn Jahren“ an der Wende zum Jahr 1943 trägt die sehr sprechende Überschrift: „Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte“. Jeder dieser Gedanken ist es trotz der Ungleichheit wert, auch in unserer jetzigen Situation meditiert zu werden. Genauso wie - das ist der zweite Text, der mich immer wieder bewegt hat - das Lied „Komm in unsere stolze Welt“. Hans von Lehnhoff hat es 1968 gedichtet. Es enthält sehr adventliche Gedanken:

Komm in unser festes Haus,
der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt kaum bis zum Morgen;
denn wer sicher wohnt, vergisst,
dass er auf dem Weg noch ist. 

Wenn wir freilich real in Situationen wie den hier angesprochenen geraten, müssen wir selbstkritisch einräumen: trotz aller geistlichen Auseinandersetzung mit solchen Inhalten haben wir vielleicht doch nicht wirklich damit gerechnet, wie bedrängend nah wir dem als Einzelne und als Gesellschaft einmal kommen könnten. Nein, es hat wirklich ganz und gar nichts Heroisches oder romantisches oder erstrebenswertes, nackt und ungeschützt ausgeliefert zu sein. Ich möchte im Winter auch nicht in einem Zelt leben müssen.
Vielleicht hilft für’s erste die adventliche Frage und Bitte: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“ Damit erwarten wir den, der selbst nackt und in schwierigen Verhältnissen zur Welt kam. Es ist eine Welt, in der auch vor und neben „Corona“ zahllose Menschen ausgeliefert und ungeschützt leben mussten und müssen. 

Was uns im Rat der Schwestern und Brüder in den letzten Wochen abgesehen von Tagungsplanungen sehr angefasst hat, waren die Auseinandersetzungen um den Artikel des Kollegen Dr. Matthias Dreher, der unter dem Titel: „Ein Christ kann ertrinken lassen“ im Korrespondenzblatt abgedruckt war. Wir waren und sind hier doppelt betroffen:

Einmal, weil wir der Sea-Watch an Pfingsten das Karl-Steinbauer-Zeichen überreicht haben. Zum anderen, weil sich Dr. Dreher auf einen Artikel unseres Ratsmitgliedes Ulrich Eckert bezogen hat, der unter der redaktionell gewählten Überschrift „Du sollst nicht ertrinken lassen“ im gleichen Blatt erschienen war. Hier geht es dann eben noch um ganz andere Jammertäler in dieser Welt! Der Ton und manche Äußerungen von Dr. Matthias Dreher haben uns deshalb sehr befremdet.
Klar und deutlich in der Sache, wenden wir uns als Rat dennoch gegen die Unversöhnlichkeit, die bei ethischen Debatten in unserer Zeit immer mehr um sich greift, insbesondere im Blick auf die Unkultur des Shitstorms. Wir sprechen uns entschieden dagegen aus, wenn Menschen bedroht und öffentlich fertig gemacht werden. Unsere in intensivem Mailaustausch entstandene Stellungnahme steht in der Dezemberausgabe des Korrespondenzblattes und auf unserer Internetseite. 

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat in seinem Bericht zur Herbstsynode auch im Zusammenhang dieser Kontroverse den Wunsch geäußert, dass wir mehr Orte finden, an denen der Diskurs über unterschiedliche Meinungen gepflegt wird und an denen Menschen angstfrei ihre Meinung zum Ausdruck bringen können. Die Bayerische Pfarrbruderschaft ist nach ihrem Selbstverständnis als Theologische Weggemeinschaft solch ein Ort. Sie verbindet die Grundorientierung an den theologischen Errungenschaften der Bekennenden Kirche, insbesondere in Verbindung mit dem Barmer Bekenntnis damit, dass in ihr Theologinnen und Theologen über die Grenzen des Alters, des Geschlechtes, des Amtes und der Meinungen hinaus miteinander ins Gespräch kommen können.

Was die Demokratie in der Kirche selbst betrifft, so genügen einzelne Orte für den Diskurs freilich nicht. Abgesehen von der Frage, ob die Impulse, die an solchen Orten entwickelt werden, überhaupt eine Chance haben, öffentlich Gehör zu finden und nachhaltig Wirkung zu erzeugen, hat unsere Landeskirche meines Erachtens ein strukturelles Problem in Sachen Demokratie. Dieses strukturelle Problem betrifft beispielsweise die Frage, wie es real um die Machtverteilung zwischen den kirchenleitenden Organen bestellt ist. Es gibt dazu gewichtige und gut begründete Wortmeldungen, die nicht übergangen werden sollten,  etwa von Prof. Dr. Klaus Raschzok (April 2020 und November 2020 im Korrespondenzblatt) und von Daniel Tenberg ebendort. Prof. Raschzok im April: „Unsere Kirchenverfassung enthält ein an und für sich geniales System von vier kirchenleitenden Organen. Aber wenn die drei „kleinen“ kirchenleitenden Organe – der Landesbischof, der Landeskirchenrat und der Landessynodalausschuss -, sich einig sind, kommt die Synode unter Zugzwang, …“ Man könnte es auch so sagen: einer hervorragend ausgestatteten Exekutive steht ein letztlich aus Ehrenamtlichen zusammengesetztes Kirchenparlament gegenüber. Die Mitglieder der Synode engagieren sich zusätzlich zu ihren Hauptaufgaben an ihren jeweiligen Orten. Das ist ungleichgewichtig, aber nicht zu ändern. Denn diese Problematik ist in unserer Kirchenverfassung angelegt. 

Eine Lösung kann daher nur auf geistlichem Weg erfolgen. Sich in der Machtausübung an Jesus Christus orientieren, dem einzigen und wahren Herrn der Kirche, hieße, sich bei der Machtausübung von sich aus zurückzunehmen. Auch wenn es als blauäugig und realitätsfern erscheint, erinnere ich dazu an das urchristliche Bekenntnis in Philipper 2, 5-11, in dem es um Entäußerung (V. 7) geht,  und an den Text, der am 1. Advent zu predigen war: 
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ Oder auch an Jesu Heilandsruf Matthäus 11, 25-30: 
„Lernt von mir!“

„In Armut kommt der Herr der Welt, ein König ohne Macht und Geld. Der Gottessohn als kleines Kind…“ (Martin Bogdahn 1977): Ist das nur ein rührseliges Liedchen, oder hat solcher Glaube auch Auswirkungen auf die Gestaltung realer Machtverhältnisse? Das ist die Frage, die ich in unserer Kirche in diesem Advent stellen möchte. Es gibt hier einen unmittelbaren Bezug zum weihnachtlichen Geschehen: „Er äußert sich all seiner G’walt!“

Nicht beklagen sollten wir uns, dass es in diesem Jahr ein stilleres Weihnachten wird als üblich. Haben wir uns das nicht manchmal gewünscht? Es ist ein Weihnachten, an dem wir auf die eigentlich sehr karge und doch so reiche Botschaft zurückgeworfen sind: 
Christus, selbst „nackt und ungeborgen“, kommt mitten hinein in unsere Dürftigkeit und in unsere Dunkelheiten. Darin aber lässt er sein sanftes Licht aufstrahlen.

Ihr / Euer 
Frieder Jehnes
(Senior)