Brief des Seniors - Weihnachten 2021

„Hass in sich zu haben ist sinnlos. Es ist, als würde man einen Skorpion essen,
um ihn dafür zu bestrafen, dass er dich gestochen hat.“

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Impuls zum 1. Dezember aus dem Kalender „Der andere Advent“ hat mich unmittelbar angesprochen und einiges in mir ausgelöst. Er hat mich zum Nachdenken gebracht über mich selbst und meine aktuellen Wahrnehmungen und Gefühle.

Konkret: Ich nehme sehr wohl wahr, dass es unterschiedliche Gründe gibt, warum sich Menschen noch immer nicht gegen das Corona-Virus impfen lassen. Neben etlichen Versäumnissen und Fehleinschätzungen auf der Seite der politisch Verantwortlichen, die leider viel Vertrauen gekostet haben, gibt es unter anderem auch soziale und gruppenspezifische Gründe. Hier stellt sich weiterhin die Aufgabe, Menschen zu erreichen und zu motivieren. Darüber hinaus reagieren manche tatsächlich nur auf klare Vorgaben, ohne dass sie etwa im Falle einer Impfpflicht zu radikalen Feinden unserer demokratischen Gesellschaft würden.

Ganz anders ist es, wenn Zeitgenossen von einer Corona-Diktatur faseln und ausgerechnet die Vernünftigen dazu aufrufen, die Gesellschaft nicht zu spalten. Das erzeugt in mir mehr und mehr Zorn und Empörung. Schwer tue ich mir auch damit, wenn Menschen sich nicht impfen lassen wollen, weil sie ihre individuelle Freiheit ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen wollen. Oder wenn eine insgesamt sichere und die ganze Gesellschaft entlastende Impfung als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit deklariert wird. Als Rechtsbegriff mag das diskutabel sein. Mir fehlt aber zunehmend das Verständnis dafür, dass Menschen so egoistisch sind im Angesicht des vielfachen Leides.

Ich denke an die schwer Erkrankten. Die Erschöpfung der Pflegerinnen und Pfleger, der Ärztinnen und Ärzte. Die Situation der Kinder, denen das Unbefangene und Spielerische der Kindheit fehlt. Die Not der alten Menschen, die wieder in Isolation fallen. Die Angst der an Krebs Erkrankten, deren OP verschoben werden muss. Die Sorge, dass man im Notfall keine schnelle Aufnahme im Krankenhaus findet. Ich sehe auch die Tränen des Bestatters, der mir in der Sakristei sagte: „Der letzte Winter war so schlimm. Auch liebe Mitarbeiter sind gestorben. Wir können nicht mehr! Bitte nicht noch einmal so ein Winter!“
Aber genau so ein Winter steht uns allen jetzt wieder bevor.
Ich verstehe einfach nicht, warum das alles manche Menschen völlig unberührt lässt.
„Habt doch Erbarmen!“ möchte ich ihnen zurufen.

Es sollte mittlerweile klar sein, dass jeder und jede umsichtig und vorsichtig sein muss. Auch Menschen, die geimpft und genesen sind. Alle Zahlen aber, wie sie zum Beispiel wöchentlich von der Kassenärztlichen Vereinigung herausgegeben werden, belegen eindeutig: Es liegt nicht an den Impfdurchbrüchen, sondern an der zu geringen Impfquote, dass wir jetzt wieder in eine so schlimme Situation geraten sind.
Was das Aufkommen der nächsten Virusvarianten mit sich bringt, weiß keiner. Ich hoffe aber, dass dies der letzten Winter ist, in dem unsere Gesellschaft so viel Schlimmes wegen Impfverweigerung ertragen muss. Christlich handeln heißt in jedem Fall, die Folgen seiner eigenen Entscheidungen und seines Handelns für andere mit zu bedenken. Diesen ethischen Ansatz sollten wir als Kirche auch öffentlich vertreten.

Was haben nun diese ja durchaus differenzierten Wahrnehmungen und Gedanken mit dem Impuls aus dem Adventskalender zu tun: „Hass in sich zu haben ist sinnlos. Es ist, als würde man einen Skorpion essen, um ihn dafür zu bestrafen, dass er dich gestochen hat“?
Hass gibt in vielerlei Gestalt. Hass ist nicht nur – mal als Beispiel genannt – wenn gegen Minderheiten gehetzt wird. Hassgefühle können auch entstehen, wenn man persönlich von anderen Menschen tief enttäuscht wird. Oder im gesellschaftlichen Bereich, wenn das Verständnis für die Einstellung anderer schwindet. Weil man ihr Handeln als sinnwidrig, unvernünftig und egoistisch ansieht. Vor allem dann, wenn man darüber verbittert. Wenn der Groll in einem nagt oder man zynisch wird in der Analyse einer scheinbar verfahrenen Situation. Man rechnet dann im Grunde nicht mehr damit, dass Gottes Geist in der Welt wirkt. Diese Gefahr nehme ich an mir wahr. Zumal ich unsere Situation auch in unserer kirchlichen Arbeit als sehr angespannt und zermürbend empfinde. Eine Routine, mit der schlimmen Situation umzugehen, will sich einfach nicht einstellen.
Wir sind alle ziemlich dünnhäutig geworden.
Deshalb hat mich jener Impuls getroffen. Ich hoffe, er hilft mir zur innerlichen Entkrampfung: „Hass in sich zu haben ist sinnlos. Es ist, als würde man einen Skorpion essen,
um ihn dafür zu bestrafen, dass er dich gestochen hat.“
Letztlich schaden wir uns nur selbst, wenn wir Hassgefühle entwickeln. Nichts wird dadurch besser.

Ich habe dann überlegt, welche biblischen Impulse es gibt, die diesem Zitat aus dem „Anderen Advent“ entsprechen. Meine Intuition war: Gibt es da nicht so einen Vers über die Freundlichkeit? Wenn man diese Spur verfolgt, kommt man zu einem Abschnitt, der sich als Teil einer weihnachtlichen Lesung entpuppt und zugleich eine Art von Bußakt einschließt: „Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander. Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist.“ (Titus 3, 3-5)

Ich finde Luthers Übersetzung mit „Freundlichkeit“ genial, obwohl das zugrundeliegende griechische Wort das nicht ganz hergibt. Anstelle der neutestamentlichen Feststellung „Früher… aber jetzt ist alles anders“ erfahre ich es allerdings eher so: „Allzuviel hat sich leider nicht geändert, obwohl wir Jesus kennen“. Das liegt vielleicht daran, dass uns die große Veränderung durch die Taufe, die in der Lesung anklingt, nicht mehr als ein so unmittelbar überwältigendes Widerfahrnis begegnet wie den frühen Christinnen und Christen. Darüber hinaus glaube ich aber grundsätzlich nicht, dass sich dieses Einst-Jetzt-Schema wirklich bewährt hat. Schon der Verfasser des Titusbriefes war in seiner pauschalen Verunglimpfung der Bewohner von Kreta alles andere als freundlich (Titus 1, 12-13). Deshalb sehe ich es so:
Jesus überwältigt uns mit seiner Freundlichkeit und seiner Menschenliebe, so wie wir sind.
Gerade im Zusammenhang mit Weihnachten.

„Hass in sich zu haben ist sinnlos. Es ist, als würde man einen Skorpion essen,
um ihn dafür zu bestrafen, dass er dich gestochen hat.“

An einem solchen Impuls versuche ich mich, zusammen mit dem über die Freundlichkeit Jesu, aufzurichten an diesem Weihnachtsfest im zweiten Corona-Winter.
Jesu Freundlichkeit und Menschenliebe ist größer als das, was dagegensteht, auch in mir selbst, und das soll mein und unser Selbstverständnis als Christinnen und Christen prägen.

Ich möchte Sie und Euch alle ganz herzlich zur Januartagung einladen:
Thema: Visionen aus der Krise – Was die Corona-Pandemie für die Kirche bedeutet.
Referentin: Pfarrerin Katharina Scholl.
Termin: Montag, 10. Januar 2022, 14.30 – 18.00 Uhr (!)

Sehr gerne hätten wir diese Tagung endlich wieder in Präsenz durchgeführt, weil unsere Geschwisterschaft doch von der persönlichen Begegnung lebt. Doch die aktuelle Situation nötigte den Rat dazu, die Tagung wieder über Zoom anzubieten. Wir hoffen, dass dadurch – gerade auch durch die Verlegung auf den Nachmittag! – viele Interessierte teilnehmen können.
Zur Anmeldung bitte die Tagungsgebühr von 10 € vorab überweisen an:
Bayerische Pfarrbruderschaft, IBAN DE35 5206 0410 0003 3150 29, und zusätzlich eine Mail an pfarrbruderschaft@elkb.de schreiben.
Die Zugangsdaten für Zoom werden dann per Mailantwort zugeschickt.

Hinweisen darf ich auf ein neues Buch unseres früheren Geschäftsführers
Dr. Bernd Busch: „Die Liebe ist alles in allem. Einblicke in den christlichen Glauben“.
Dieser Titel passt ja sehr gut zu diesem Seniorbrief.
Es ist eine neutestamentlich ausgerichtete Einführung für Menschen, die an den Grundlagen des christlichen Glaubens interessiert sind oder in sie hineinfinden möchten.
Man kann dieses Buch zum Preis von € 15,80 direkt Bernd Busch bestellen: asb.busch@gmail.com. Demnächst kommt auch eine e-book-Ausgabe für € 8,99.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit
und viel Kraft für deren Gestaltung und Begleitung
Ihr/Euer





Frieder Jehnes