Brief des Seniors - Weihnachten 2022

Karl-Steinbauer-Haus, Bamberg, den 1. Dezember 2022

„Mehr Licht!“


Liebe Schwestern und Brüder,

das waren der Überlieferung nach die letzten Worte Johann Wolfgang von Goethes bevor dieser im Jahr 1832 in Weimar sein Leben aushauchte. „Mehr Licht!“

Unklar ist, was er genau damit meinte. Wollte er uns, die Nachwelt, dazu aufrufen, immer im hellen Licht des Fühlens und Denkens zu wandeln? Oder wünschte er sich vielmehr persönliche Erleuchtung, Genialität, Außerordentliches für sich oder uns andere? Darüber hat die Nachwelt viel nachgegrübelt.

Doch allein – es ging wohl um etwas ganz anderes, Schlichteres. Der letzte Satz von Johann Wolfgang von Goethe wird vollständig folgendermaßen überliefert: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“1 Das Dichtergenie wollte also einfach nur, dass etwas mehr Licht in den Raum einfiele, in dem sich befand. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

„Mehr Licht!“

Das wünsche ich mir auch in diesen Tagen. Und zwar auf vielen Ebenen. Bei den Menschen in der Ukraine, deren Stromsystem durch den russischen Angriffskrieg gezielt lahmgelegt wird. Auch bei den Menschen hierzulande, die aufgrund von Strom- oder Gaspreisen im Dunklen oder Kalten sitzen müssen.

Ich denke mir aber auch „Mehr Licht!“, wenn ich Montags in Bamberg immer noch vielen Querdenker*innen und Nazis mit Trommeln begegne, die dort seit 2020 „spazieren“ gehen. Und ich würde mir wie viele, vor allem junge, Menschen wünschen, dass bei noch mehr Menschen ein Licht aufgeht, was die Dringlichkeit und Notwendigkeit einer radikal veränderten Energiepolitik angesichts der Klimakatastrophe angeht. „Mehr Licht!“ könnte man mit dem Dichterfürst rufen – aber bitte nachhaltiges Licht.

Ach und einen auch noch stärker zu beleuchtenden Ort hätte ich: Entwicklungsprozesse und Stellenplandiskussionen der bayerischen Landeskirche fallen mir ein. Ich erlebe zunehmend Kolleg*innen, die gefrustet sind von falsch verstandener Veränderungswut, Sitzungsmarathons und merkwürdigen Wegen der Entscheidungsfindung. Ich glaube, fast jedem und jeder ist bewusst, dass wir uns als Kirche immer wieder verändern müssen. Das ist uns als reformatorischer Kirche quasi in die Wiege gelegt worden und ich kenne eigentlich keine Kolleg*innen, die nicht ständig etwas Neues ausprobieren oder entdecken wollten. Aber manche Verlautbarung kommt mir so vor, als ob wir doch jetzt endlich mal anfangen sollten, MUTig (!) Neuland zu betreten. Das ist frech und nicht sonderlich motivierend. Zumal dann, wenn es einhergeht mit Stellenkürzungen. Vielleicht sollten wir etwas demütiger einfach einmal festhalten, dass wir kleiner werden. Das schützt vor Machbarkeitsphantasien. – Bevor ich aber nur etwas Negatives schreibe: Das Eintreten von verschiedenen kirchenleitenden Instanzen für eine bessere Klimapolitik, klein angefangen bei einem Tempolimit, und das offene Ohr, das die EKD-Synode Anfang November 2022 in Magdeburg auch für radikale Klimaaktivist*innen hatte, haben mich persönlich gefreut. Uns ist als Christ*innen ja radikale Menschen- und Schöpfungsliebe nicht ganz fremd.

Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen / der stern der Gotteshuld. / Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr, / von Gottes angesichte / kam euch die Rettung her. (Jochen Klepper, 1938)

Ich will über all den Problemen, die ich angesprochen habe, jetzt keine „Adventssoße“ drüber gießen. Davor bewahre mich allein jenes Zitat von Jochen Klepper, das eben auch von viel Leid und Schuld zu erzählen weiß. Aber eben auch vom Licht. Und das ist glaube ich unsere Hauptaufgabe: Von diesem Licht in dieser Welt zu erzählen. Gerade in aller Dunkelheit: „Mehr Licht!“

Karl Barth hat sich bekanntlich den Lichtern besonders zugewendet und sogar eine eigene Lichterlehre in seiner Kirchlichen Dogmatik entwickelt. Ob es darum gehen wird, weiß ich nicht und bezweifle es eher, aber es bietet die steile Überleitung zu dem Thema unserer Januartagung, die am 9. Januar 2023 ab 14:30 Uhr per Zoom stattfinden wird. Das Thema: „Der interreligiöse Dialog heute und Karl Barth.“ Referent ist Dr. Rainer Oechslen (ehem. Beauftragter für interreligiösen Dialog der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern). Herzliche Einladung dazu!

Zur Anmeldung 10€ vorab überweisen an: Bayerische Pfarrgeschwisterschaft IBAN DE35 5206 0410 0003 3150 29 und eine Mail an Pfarrgeschwisterschaft@elkb.de schreiben. Die Zugangsdaten für die Zoom-Konferenz werden dann per Mail zugeschickt.

Ein herausragendes Beispiel für „Mehr Licht!“ in dieser Welt sind die Empfänger*innen unseres Karl-Steinbauer-Zeichens. Wir werden im Jahr 2023 dieses Zeichen wieder verleihen und zwar an den kath. Würzburger Studierendenpfarrer Burkhard Hose für sein langjähriges Engagement für Flüchtlinge und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, gegen Antisemitismus und die Diskriminierung von queeren Menschen. Die Überreichung wird Anfang Mai in Würzburg stattfinden, der eigentliche Festakt dann während der Pfingsttagung in Heilsbronn, wobei Burkhard Hose dort per Video zugeschaltet sein wird.

Auch ein gutes Beispiel für „Mehr Licht!“, aber leider in negativer Hinsicht, ist unsere Vereinsgründung. Noch immer haben wir keine Antwort vom zuständigen Registergericht. Erst dann kann die Prüfung des Finanzamtes folgen. Dass dies alles noch vor der Januartagung geschieht, ist sehr fraglich. So arbeiten wir unter neuem Namen in noch alten Verhältnissen. Aber die Zusage gilt: Sobald wir etwas Substantielles erfahren, informieren wir alle Schwestern und Brüder über das weitere Vorgehen."

Jetzt wünsche ich euch eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit, viel Kraft für etwaige Dienste und allerlei Plätzchen in den Pausen dazwischen sowie vor allem: Mehr Licht!

Ihr/Euer
Thomas Braun


1 https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wie-johann-wolfgang-von-goethe-unsere-welt-verliess-
15275980-p5.html