Brief des Seniors

Liebe Schwestern und Brüder,

die Behauptung, Jesus sei von den Toten auferweckt worden, ist wohl mit das Frechste und Unverschämteste, was man in dieser Welt sagen kann. Mir geht es so, dass ich in diesem Zusammenhang immer mal wieder über meine Unverfrorenheit erstaunt bin.

Ich kann und will die damit zusammenhängende Frage nämlich nicht verdrängen: „Was ist, lieber Frieder, wenn gar nicht wahr ist, was du glaubst und predigst? Wenn die Ostergeschichten der Bibel in Wirklichkeit nur auf Einbildung und Suggestion beruhen?

Wie fest ist der Grund tatsächlich, auf dem dein Glaube steht?“

Ich weiß, diese Fragestellung ist nicht neu. Aber sie beunruhigt mich immer wieder. Vielleicht ja auch mit Recht. Die Botschaft, dass Unrecht, Gewalt und Tod besiegt sind – um die es ja nicht nur an Ostern geht, sondern eigentlich immer – kann und darf nie zur Routine werden. Ostern ist kein Gegenstand der natürlichen Erkenntnis. Trotzdem will ich meinen Verstand nicht ausschalten und auch nicht alle Regeln der Logik.

Bereits der Apostel Paulus spricht die von mir aufgeworfene Frage im Ersten Korintherbrief mit aller nötigen Deutlichkeit an: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.“

Wenn Ostern Fiktion wäre, müssten wir – schon um der Redlichkeit willen – die Kirche als Organisation abwickeln und zusehen, ob und wie vielleicht wenigstens unsere soziale und kulturelle Arbeit sinnvoll fortgeführt werden kann. Wir müssten uns überlegen, unter welcher Regie sehenswerte Kirchen in eine museale Nutzung übergeführt werden könnten; der Rest wäre entweder abbruchreif oder könnte anderweitig Verwendung finden. Der Verlust wäre allerdings nicht nur ein äußerlicher. Wie viele Menschen hätten umsonst geglaubt? Wie viele Hoffnungen wären grundlos? Wieviel Sehnsucht würde ins Leere laufen ohne Ostern? Wir, die Predigerinnen und Prediger, würden dann nicht nur als falsche Zeugen Gottes gelten, sondern auch als solche, die viele Menschen in die Irre geführt haben! Deshalb beunruhigt mich dieser Gedanke.

Als hilfreich empfinde ich es, dass die Ostergeschichten im Kern sehr realistisch sind, wie ja überhaupt die Bibel ein realistisches und lebensnahes Buch ist. Halte ich mich etwa an Lukas, dann wird deutlich, wie unendlich niedergeschlagen und traurig die Frauen waren, die am dritten Tag nach der schändlichen Hinrichtung Jesu frühmorgens zu seinem Grab gingen. Dass sie an diesem Ort Begegnungen haben würden, die ihre tiefe Trauer und Bestürzung über seinen Tod in eine große Freude verwandelten, damit haben sie mit Sicherheit nicht gerechnet. Als dann das Unerwartete auf sie zukam, waren sie zunächst erschrocken und verwirrt. Gar erst die Männer, die in der Stadt ausgeharrt hatten: als die Frauen zurückkamen mit dieser unglaublichen Geschichte, da hielten sie die Osterbotschaft für reines Geschwätz, für ein Hirngespinst. Petrus schaut dann immerhin noch persönlich nach, doch außer dass er tatsächlich ein leeres Grab vorfindet, sieht und erlebt er gar nichts. Irritiert und verwundert geht er davon. Einordnen kann er das Gehörte und Gesehene wohl eine ganze Zeit lang noch nicht.

Ich empfinde diese Realitätsnähe der Ostergeschichten als tröstlich und hilfreich, weil ich mit meinen Glaubens- und Lebenserfahrungen daran Anteil habe und wohl viele andere Menschen auch. Insbesondere dann, wenn wir mit tiefem Leid konfrontiert werden. Wenn die Frage entsteht, wo und wie denn tatsächlich spürbar und erfahrbar wird, dass Jesus alles Leid überwunden hat.

„Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.“ Ich möchte jetzt nicht die etwas komplizierte Fragestellung erörtern, warum Paulus hier eine Verbindung zwischen der Auferweckung Jesu von den Toten und einem allgemeinen Glauben an die Auferstehung der Toten zieht.

Manches in den Argumentationsketten im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist allerdings – vom Standpunkt der Logik her – ein Zirkelschluss. Mindestens an einer Stelle wird der Zirkel jedoch durchbrochen. Und zwar dort, wo der Glaube sich auf konkrete Begegnungen mit Augenzeugen gründet: dass der von den Toten auferweckte Christus gesehen worden ist von Petrus, dann von den Zwölfen, dann von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal (die Schwestern als Zeuginnen der Auferweckung Jesu sind hier offenbar noch gar nicht mitgezählt), danach von Jakobus, danach von allen Aposteln, als letztem von allen auch von Paulus selbst, obwohl er es weder verdient noch erwartet hätte (vgl. 1. Kor 15, 5-8).

Ich finde, es ist von der Logik her gesehen schon nicht so einfach, das alles als rein symbolisches Geschehen anzusehen oder in den Verdacht der Massensuggestion zu stellen.

Zusätzlich wichtig finde ich, dass Paulus auf das Zeugnis der Schriften verweist (1. Kor 15,3f). Das heißt: Ostern ist zwar ein Ereignis, das jenseits jeder natürlichen Erfahrung steht, aber für Paulus doch kein isoliertes Geschehen. Ostern hat mit einer Hoffnung zu tun, die es gibt, solange Menschen an den lebendigen Gott der Bibel glauben. Die Juden der alttestamentlichen Zeit glaubten zwar noch nicht an eine Auferstehung der Toten, aber viele glauben an den lebendigen Gott, der Gerechtigkeit schafft und den Niedrigen aus dem Staube hebt.

Beispielhaft möchte ich drei Verse aus dem 34. Psalm nennen:

Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not. Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. Der Gerechte muss viel leiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.

Eben das wirkt der lebendige Gott an Jesus und an den Jüngerinnen und Jüngern.

Gott setzt gegen die Mächte der Gewalt, des Unrechtes und des Todes seine Liebe und seine Gerechtigkeit durch. Ohne den Glauben an den lebendigen Gott allerdings ist ein Osterglaube nicht möglich. An dieser Stelle erst kommt alle menschliche Logik an ihr Ende.

„Was ist, lieber Frieder, wenn gar nicht wahr ist, was du glaubst und predigst? Wie fest ist der Grund deines Glaubens?“ Diese Fragen haben für mich ein Stück weit auch mit dem Thema unserer Pfingsttagung zu tun, die vom 21-23. Mai wieder im RPZ Heilbronn stattfindet: „anders wachsen – nachhaltig handeln“.

Denn dieses Thema steht für mich auch im Licht der österlichen Hoffnung.

Wenn ich mir die Realität anschaue, dann müsste ich nämlich verzweifeln. Dann müsste ich fragen: Was hat es für einen Sinn, an Alternativen zum „immer größer, immer stärker, immer mehr“ zu arbeiten? Überall dort, wo es Fortschritte gibt, werden sie durch Gier, Bequemlichkeit und gestiegene Ansprüche wieder aufgefressen. Die Wintersportorte rüsten immer noch massiv auf. Die neuesten Skilifte sind – zweifellos angenehm für die Kunden – mit Sitzheizung ausgestattet. Wenn Kraftfahrzeuge, Flugzeuge und vielleicht ja auch mal Kreuzfahrtschiffe weniger und besseren Treibstoff verbrauchen, so wird der positive Effekt durch das ständige Wachstum des Verkehrsaufkommens und durch steigende Ansprüche wieder zunichte gemacht. Gleichzeitig nehmen die Verteilungskämpfe zu.

Österlich glauben heißt in diesem Zusammenhang, trotz allem nicht zu resignieren.

Der letzte Satz in dem großen österlichen Kapitel des Ersten Korintherbriefes lautet:

„… denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“

„Anders wachsen – nachhaltig handeln“: Pfarrer Bernd Winkelmann, der Referent unserer Pfingsttagung, wird mit uns daran arbeiten, wie wir nicht nur als Einzelne, sondern mit anderen zusammen, zum Beispiel in unseren Gemeinden, Alternativen zu einer zerstörerischen Wachstumsideologie entwickeln und leben können. Natürlich sollen dabei auch die theologischen, anthropologischen, ökonomischen und geschichtlichen Grundlagen nicht zu kurz kommen.

Leider mussten wir unseren Tagungsablauf für den Dienstag verändern, weil uns

OKR Dr. Nikolaus Blum, unser Gesprächspartner aus der Kirchenleitung, mitgeteilt hat, dass er für den Abend einen anderen notwendigen Termin wahrnehmen muss. Die sich daraus ergebende Unterbrechung für die thematische Arbeit ist nicht gerade ideal, doch die Möglichkeit wahrzunehmen, mit dem relativ neuen Leiter des Landeskirchenamtes und Mitglied der PuK-Begleitgruppe ins Gespräch zu kommen, war dem Rat der Schwestern und Brüder schon auch wichtig. Somit ergibt sich für Dienstag folgender Tagesablauf:

8.00 Uhr Frühstück 9.00 Uhr Andacht mit Kindern 
9.30 Uhr Vortrag Bernd Winkelmann mit Austausch 
11.00 Uhr bis 12.30 Uhr Gespräch mit Dr. Nikolaus Blum 
12.30 Uhr Mittagessen [Backen von Solarpfannkuchen optional ab 14.00 Uhr] 
14.30 Uhr Kaffee 
15.00 Uhr: Zweite Einheit mit Bernd Winkelmann 
16.00 Uhr Kleingruppen 
18.00 Uhr Abendessen 
19.00 Uhr Andacht mit Kindern 
19.30 Uhr bis 20.30 Uhr: Abschließende Einheit mit Bernd Winkelmann 

Kinderbetreuung 9.30 Uhr – 12.30 Uhr; 15.00 – 18.00 Uhr; 19.30 – 20.30 Uhr

Montag und Mittwoch bleiben im Ablauf wie geplant.

Natürlich dient unsere familienfreundliche Tagung wie immer auch der persönlichen Begegnung.

Herzliche Grüße und einen gesegneten Dienst in der österlichen Zeit,

Ihr/Euer

Frieder Jehnes (Senior)

P.S.: Noch ein Hinweis: Nach der Tagung ist für alle, die möchten und Zeit haben, ein Besuch der alternativen Gemeinschaft Tempelhof bei Crailsheim möglich, die versucht, ökonomische Transformation zu verwirklichen. Wer Interesse hat, setze sich bitte mit unserem Ratsmitglied Karl Mehl in Verbindung: karl.mehl@elkb.de. Natürlich kann man sich auch kurzfristig entschließen.