Brief des Seniors

Gedanken zu „Karl Barth und das Nichtige“

Liebe Schwestern und Brüder,

mein Seniorbrief kommt diesmal schon zu Beginn der Passionszeit, denn er enthält meine persönlichen Überlegungen zum Thema unserer Januartagung: „Karl Barth und das Nichtige“. Zu Beginn der Passionszeit, weil ich meine, dass die hier angesprochenen Fragen zur Theodizee in beiden Kirchenjahreszeiten, in der Passionszeit und an Ostern, ihre besondere Relevanz haben. Einer der prägnantesten Sätze aus Barths „Kirchlicher Dogmatik“, den unser Referent, Professor Matthias Wüthrich aus Zürich zitierte, lautet: „Was Jesus Christus ans Kreuz gebracht hat und was er am Kreuz besiegt hat, das ist das wirklich Nichtige.“ (KD III/3, S. 346)

Für mich persönlich gab und gibt nicht nur das Karl Barth-Jahr 2019 Anlass, sich mit dem Thema „Barth und das Nichtige“ zu befassen. Ich beginne meine Überlegungen mit aktuellen Fragen, die mich dabei bewegen:

Eine nie geahnte Ausbreitung von Hass und Häme im Internet. 
Gezieltes Verbreiten von Falschmeldungen, um die Stabilität von Gesellschaften zu zersetzen. Pure Lust am Zerstören und am Chaos. Unfassbare Grausamkeiten in den Kriegen unserer Tage, an denen die deutsche Rüstungsindustrie kräftig mit verdient, dazu kommen die Interessen der abhängig Beschäftigten. Die Perspektivlosigkeit vieler Geflüchteter.
Unvorstellbare Qual von Kindern. Dass und wie Nationalismus, Abgrenzung und die Logik der Durchsetzung von Interessen mit militärischer Gewalt an Macht und Plausibilität gewinnen. 
Über alles das hinaus hat das Leiden im persönlichen Leben der Menschen noch eine ganz eigene Dimension: Wenn Beziehungen und Freundschaften zerbrechen. Wenn eine bösartige Krankheit einen Körper zerfrisst. Wenn Hoffnungen auf ein gutes Leben zerstört werden.

Präzise fasste Matthias Wüthrich das Thema so: 
„Gott, das Nichtige und die Theodizeefrage. Grundzüge von Karl Barths Lehre vom Nichtigen“. Es ging also um Barths spezifischen Beitrag zur Frage nach Ursprung und Wirkung dessen, was Menschen als böse, destruktiv und das Leben verneinend erfahren – im Übrigen auch an sich selbst, den eigenen Schattenseiten, dem eigenen Handeln.

Folgt man Karl Barth, so ist es zumindest für Christinnen und Christen nicht zielführend, eine Erkenntnis des Bösen an Jesus Christus vorbei vorzunehmen – weder mit der Feststellung: „Das ist böse“ noch in der Verneinung: „Das ist nicht böse“, bzw. „Das kann man auch anders beschreiben als mit dem Begriff des Bösen“. Barth rät entschieden davon ab, rationale Anschlüsse an Wahrnehmungen zu versuchen, wie ich sie soeben genannt habe. 
Dazu kommt die Problematik, dass auch solche Handlungen, die in bester Absicht geplant und ausgeführt werden, nicht selten ins Gegenteil dessen umschlagen, was an Gutem intendiert wurde. 

Im Blick auf Jesu Leiden und Tod am Kreuz zeigt sich wie in einem Brennglas, was böse ist und wie das Böse wirkt, so würde ich es formulieren. Das ist auch ein Stück entlastend in allen Anfechtungen. Mag sein, dass Barths Auffassungen nicht allgemein „anschlussfähig“ sind. Doch Matthias Wüthrich vermittelte uns,  dass es hier zunächst um Vergewisserung für den Christen bzw. für die Theologin geht, nicht gleich um die Frage der Vermittlung.

Für Karl Barth gibt es keine Erkenntnis des Bösen am Christusgeschehen vorbei: 
Dies ist die wichtigste Einsicht, die Matthias Wüthrich über Barths Auffassung der Theodizeefrage bei der Januartagung der Pfarrbruderschaft vermittelt hat.
Aber auch dies: Barth erfasst das Böse letztlich von seiner Überwindung durch Christus her – am Kreuz und an Ostern. Wir sind nicht ohne Hoffnung!

Wie kommt Karl Barth zu seinem eigentümlichen Begriff „Das Nichtige“?
Dass das Böse nicht als eine Art dunkler Gegengott mit eigener schöpferischer Kraft gesehen werden darf, war schon immer Konsens unter den Hauptströmen der christlichen Theologie. Barth lehnt allerdings auch solche Lösungen des Theodizeeproblems ab, wonach Böses von Gott selbst erschaffen wird, um Menschen einer Glaubensprüfung zu unterziehen. Spätestens seit das ungeheure Potential willkürlicher Zerstörung durch Naturkatastrophen in das abendländische Bewusstsein drang – an dessen Anfang stand bekanntlich das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 mit mehrfach aufeinander folgenden Zerstörungen und 70.000 bis 100.000 Todesopfern - wurde es sehr schwierig, solche Ereignisse als Teil der Schöpfung Gottes zu sehen oder im Rahmen einer Vorsehung, die wir Menschen eben nur nicht verstehen können. Und was die Folgen der modernen Kriege und des Terrors betrifft: Die in Kauf genommenen Opfer an der Zivilbevölkerung in den modernen Kriegen und der systematisch eingesetzte Terror in Lagern lassen es als zynisch erscheinen, hier von einer Strafe Gottes für Abfall und Sünde zu sprechen oder von Instrumenten zur Läuterung. Ähnliches gilt im persönlichen Leben von der Frage, wie Menschen etwa eine bösartige, ihr Leben zerstörende Krankheit heute erleben. Solche Erfahrungen führen Menschen oft nicht näher zu Gott, sondern von ihm weg.

Das Böse darf nach Barth weder aus dem positiven Schöpfungswillen Gottes hergeleitet werden, noch hat es seine Macht ohne Gott, noch darf man es vom christlichen Glauben her aus der Aktivität der Geschöpfe herleiten – zumindest nicht als Gesamtphänomen, würde ich hier ergänzen. Im Rahmen dieser Widersprüchlichkeit entwirft Barth den Begriff „Das Nichtige“ auf das hin, woran Jesus zu leiden hat und wie er es überwindet. Und zwar beschreibt er es als eine Art Gegenreaktion auf Gottes kräftiges Nein zum Bösen, als Gegenreaktion auf Gottes Nicht-Wollen der das Leben verneinenden Mächte und Kräfte. 
Es ist dieses Nicht-Wollen, das sich gerade in Christus zeigt. 

Das Böse ist real und nichtig zugleich. Seine faktische Gewalt wird nicht verharmlost und es ist doch überwunden. Man könnte hier, das ist mein Gedanke dazu, an Bibelstellen wie Römer 8, 31-39 denken. Matthias Wüthrich zitierte dazu Barths eigene  Beschreibung im § 50  seiner Kirchlichen Dogmatik: „Wir haben uns … angesichts des Verhältnisses, das Gott zu ihm (sc. dem Nichtigen)  einnimmt, damit abzufinden, dass es in seiner eigenen, in einer dritten Weise tatsächlich gar sehr ist. Alle diejenigen Auffassungen und Lehren sind also christlich unerträglich, die dieses „ist leugnen oder abschwächen oder leicht nehmen wollen. Das Nichtige ist nicht das Nichts." (KD Ill/3, S. 402f). Man würde sonst weder das Böse in seiner destruktiven Gewalt noch Sünde und Leiden der Menschen noch das Geschehen von Kreuz und Auferstehung ernstnehmen.

Matthias Wüthrich erinnerte daran, dass Karl Barth einen Unterschied macht zwischen einer „Schattenseite“ der Schöpfung, die mit ihrer Vergänglichkeit zu tun hat, und dem  „Nichtigen“, das außerhalb des von Gott Geschaffenen steht. 
So nachdenkenswert diese Unterscheidung ist: 
Auch Prof. Wüthrich meinte, dass es in der Praxis nicht immer leicht ist, diese Unterscheidung klar und eindeutig durchzuführen. Außerdem erleben es die Menschen oft anders.

Nie geahnt“, „Un-fassbar“, „Un-vorstellbar“: allein schon die Eindrücke, mit denen ich das eingangs geschilderte menschliche Leid versucht habe zu benennen, Eindrücke, die sicher nicht nur mir zueigen sind, macht die Redeweise Karl Barths vom „Nichtigen“ für mich plausibel, auch wenn ich aufpassen muss, dass ich  - gegen Barth - hier nicht doch einen rationalen Zugang versuche bzw. Beschreibungen an Christus vorbei. 

Ich merke beim Nachdenken über Barths Behandlung der Theodizeefrage, wie jede tatsächliche oder vermeintliche Erkenntnis immer wieder neue Fragen aufwirft. Auch deshalb war die Januartagung dicht und spannend. Das lagaber auch an der zugänglichen Art und Weise, wie unser ReferentMatthias Wüthrich die Theologie Barths ins Gespräch brachte. Theologie lohnt sich, auch wenn sie anstrengend ist und zu immer neuen Fragen führt, das war der Eindruck, den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitnahmen.

Vom Nichtigen zu sprechen ermöglicht es auf jeden Fall, dem, was als so übermächtig erscheint, keine letztgültige Wirklichkeit zuzugestehen. Es ermutigt zu Protest und Widerstehen. Selbst das Ausharren an einem Sterbebett kann als eine Form des Widerstands verstanden werden, denn das Nichtige kann sehr wohl in die geschöpfliche Erfahrung der Vergänglichkeit einbrechen. 
Die Frage nach der biblischen Klage als Protest bestimmte dann auch die Arbeit nach dem Vortrag M. Wüthrichs mit einem gemeinsamen Arbeiten an biblischen Psalmen. Letztlich geht es darum, wie man vor Gott angemessen von dem denken und reden kann, was unfassbar und unbegreiflich ist.


Liebe Schwestern und Brüder, 

ich möchte Sie und Euch schon heute zu unserer Pfingsttagung (10.-12. Juni) einladen. „Wahrheit und Lüge“ lautet unser Thema und führt damit in gewisser Weise die Januartagung fort. Referentin ist Prof. Cornelia Richter aus Bonn.

In diesem Jahr werden wir auch wieder das „Karl-Steinbauer-Zeichen“ vergeben.
Pfarrerin Simone Hahn aus Nürnberg hat während einer Demonstration von Pegida-Sympathisanten zum Friedensgebet aufgerufen und die Glocken läuten lassen. 
Sie wurde daraufhin massiv mit Hass-Mails überzogen und öffentlich diffamiert. 

Von der Kirchenleitung kommt der neue Personalreferent der Landeskirche, OKR Stefan Reimers, zum Gespräch. 

Und im Familiengottesdienst am Mittwoch wirkt musikalisch die Gruppe „Terra Sem Males“ aus Brasilien mit (Dorival Ristoff, Luciano Camargo, Horst Seeger). 

Alle weiteren Infos, auch zur Anmeldung, stehen auf unserer Homepage www.pfarrbruderschaft.de unter „Tagungen“. Wer gedruckte Flyer zum Verteilen benötigt, darf sich gerne an unseren Geschäftsführer Mark Meinhard wenden (09172-4748902).

Ihr/Euer 
Frieder Jehnes