Brief des Seniors - Ostern 2020

Liebe Schwestern und Brüder,

der Brunnen von St. Georgen in Bayreuth, wo ich seit 18 Jahren lebe und arbeite, muss in diesem Jahr ungeschmückt bleiben. 
Karg und nackt steht er da.
Ebenso die anderen großen Osterbrunnen im Bayreuther Land und in der Fränkischen Schweiz. Die Ansteckungsgefahr für die vielen Ehrenamtlichen beim Schmücken wäre zu groß. Auch die Busfahrten und privaten Ausflugstouren zu den Osterbrunnen, die für Viele normalerweise zum festen Programm gehören, müssen entfallen.

Ja, es ist schon ein sehr merkwürdiges Ostern, wobei merkwürdig ursprünglich ja nicht nur „komisch“ bedeutet, sondern auch „denkwürdig“, „erinnerungswürdig“. 

Merkwürdig, komisch, nachdenklich machend, denkwürdig, verstörend, aufrüttelnd: Irgendwo in diesem Spektrum bewegen sich meine Gedanken. Was das Verstörende betrifft: Immerhin weiß ich mich darin verbunden mit den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, besonders mit den Frauen am Ostermorgen: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.“ Warum sollte ein Evangelist wie Markus das so überliefert haben, wenn er nicht damit rechnete, dass es auch nach Ostern solche Situationen gibt?

Die Kargheit, ja: Nacktheit des Brunnens, an dessen Schmuck ich mich in der Osterzeit jedes Jahr von neuem erfreut habe, empfinde ich als Symbol. Und zwar als ambivalentes Symbol.  

Nackt und schutzlos erfahren sich die meisten Menschen in der unsichtbaren Bedrohung.
Da geht es um viel mehr als um das, was in diesem Jahr alles wegfallen muss. Es geht um eine tiefgreifende Verunsicherung. Es geht um Ängste, die man nicht kleinreden darf.
Auch um Bedrohung von Leib und Leben. Um wirtschaftliches Überleben. Und auch um Engagement, mit dem viel Herzblut verbunden ist. Viele kleine Mittelständler sind betroffen. Busunternehmen. Gastronomen. Kulturschaffende.  Und ihre vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

So karg wie den ungeschmückten Brunnen werden jetzt auch viele Familien ihr Leben empfinden. Zum Zwang, zuhause zu bleiben, kommt hinzu: kein Spielplatz hat offen, kein Tierpark, kein Erlebnisbad, kein Freizeitland. Vielleicht bietet diese Reduktion, diese Kargheit zumindest manchen Familien ja die Chance, zu lernen, auch ohne die Angebote der professionellen Bespaßung miteinander kreativ zu sein. Doch auch die Freunde darf man nicht treffen und eigentlich auch nicht die Großeltern, obwohl das für viele Familien kaum durchzuhalten ist. Fehlende mitmenschliche Kontakte sind ein viel größerer Verlust als geschlossene Spaßbäder. Die Geduld wird zum Teil extrem auf die Probe gestellt. Dass auch die Konfirmationen verschoben werden müssen, ist mehr als schade.

In den Kirchengemeinden geschieht sehr viel Mutmachendes. Online-Gottesdienste, Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit, Osterbriefe an die Gemeindeglieder, Osterpäckchen für die Kinder, Telefonate mit einsamen Menschen und vieles mehr. Das alles ist gut, sinnvoll und jetzt auch notwendig. Manches davon wird auch bleiben. Doch das Wesen des christlichen Glaubens besteht in der leiblichen Begegnung, die der auferstandene Herr Jesus Christus stiftet, vor allem in der Tischgemeinschaft, im Abendmahl. In St. Georgen treffen wir uns jeden Sonntag und hören einen Choral, der vom Kirchturm in alle Richtungen über die Stadt geblasen wird. So haben wir auf dem großen Platz vor der Kirche die Möglichkeit, uns zu sehen. Wir beten das Vaterunser und empfangen den Segen. Immerhin.

Ich stehe zu den jetzigen Einschränkungen um des Schutzes von Menschenleben und um der gesellschaftlichen Solidarität willen. Ich finde, es ist auch notwendig, dass Empfehlungen gegeben werden, die einen hohen Grad an Verbindlichkeit haben. Doch irgendwann wird die Frage zu stellen sein, warum zwar gut besuchte Wochenmärkte zur Daseinsvorsorge gehören, Gottesdienste, in denen Menschen gestärkt, getröstet und aufgebaut werden aber nicht. Ich denke, zumindest in großen Kirchengebäuden müssten sich bei einer zukünftigen Lockerung der Notmaßnahmen sinnvolle Regelungen trotz der viralen Bedrohung finden lassen.

Darüber hinaus werden zu gegebener Zeit auch verfassungsrechtliche Fragen zu klären sein. Denn das Grundrecht auf ungehinderte Religionsausübung gilt ohne jede Einschränkung. Dieses Grundrecht auf ist m.E. dem Recht auf Versammlungsfreiheit, das unter bestimmten Bedingungen tatsächlich beschränkt werden darf, nicht nachgeordnet. 

Ich komme auf die gegenwärtige Erfahrung der Kargheit zurück. 
Es gibt neben den existentiellen Aspekten, dem Gefühl, einer unsichtbaren Gefahr ausgeliefert zu sein, so, als ob man nackt wäre, auch solche, die den Lebensstil und das Wirtschaften betreffen. Konkret und exemplarisch:  Für die Osterferien laufen in diesem Jahr in den Bergen keine Schneekanonen. Die nächtliche Stille wird nicht durch die Motorengeräusche, Lichter und Warnsignale der Pistenraupen zerschnitten. Die Bergbahnen stehen still. Die Freerider, die auch noch die letzten unberührten Refugien und Schutzwälder durchpflügen, weil sie das für die höchste Form von Freiheit halten, bleiben weg. Leider auch die Einnahmen der Menschen vor Ort. Doch Tiere und Pflanzen atmen auf wie seit vielen Jahrzehnten nicht.

Diese Erfahrung von Kargheit und Beschränkung weist insgesamt auf eine sehr komplexe Problematik hin. Wir erleben jetzt schmerzhaft, wie alles mit allem zusammenhängt. Auch wirtschaftlich. Wir erleben die negativen Auswirkungen bei der Verbreitung von Krankheitserregern und bei der Beschaffung von notwendigen Versorgungsgütern.  
Es zeigt sich auch, wie sehr das wirtschaftliche Wachstum der letzten Jahrzehnte, von dem übrigens auch unsere Kirche finanziell profitiert hat,  nahezu ausschließlich auf einer Vermehrung des globalen Handels und Austausches beruhte, häufig verbunden mit unfairen Bedingungen. Dinge, die früher Luxus waren, sind zu Massenprodukten geworden auf Kosten derer, die uns diese Güter zur Verfügung stellen und auf Kosten der Geschöpfe Gottes. Menschenrechte spielten dabei keine Rolle. 

Ich denke, Leute, die im Lebensmotto „Ich will Spaß – ich geb‘ Gas“ ihre letzte Erfüllung finden, die wird es weiterhin geben. Zeitgenossen, die zum Tauchen nach Mexiko fliegen, ein paar Wochen später mit dem Kreuzfahrtriesen den Orient abklappern und vor Weihnachten dann noch zum Shoppen nach New York fliegen, ebenso.
Doch die gegenwärtige Erfahrung, auf welch tönernen Füßen das weltweite Trachten nach Gewinnmaximierung, ungehemmten Lebensgenuss, reibungslosem Funktionieren und rein quantitativem Wachstum steht, ist tiefgreifend.  Es ist alles auf Kante genäht worden. Auf einmal steht fast alles still. Auf einmal tritt die große Unterbrechung ein. Schmerzhaft, gewiss. Aber vielleicht auch – von den existentiellen Bedrohungen abgesehen – heilsam? 

Bei einer unserer letzten Pfingsttagungen befassten wir uns mit der Frage nach „Anders wachsen“. Könnte es nicht sein, dass nun der Kairos gekommen ist, dem entschlossen nachzugehen, auch wenn diese Fragestellung schon bisher dringlich war? Dass spätestens jetzt die Zeit gekommen ist, tragfähige Konzepte für ein nachhaltiges, qualitatives Wachstum zu entwickeln? Wirklich fatal wäre es, wenn die Gesellschaften als Reaktion auf die „Corona-Krise“  nur noch auf sich und ihr eigenes kurzfristiges Überleben schauen, sich auf nationale Egoismen zurückziehen und drängende Probleme wie den Klimawandel oder das Flüchtlingselend von sich wegschieben.  

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich schreibe diese Gedanken am Palmsonntag nieder. Es ist der Sonntag, an dem wir uns daran erinnern, dass Jesus unter dem Jubel vieler Menschen nach Jerusalem eingezogen ist. Drei Tage später wird er verraten, vier Tage später ausgeliefert, fünf Tage später an das Kreuz genagelt. Für viele Menschen hatte diese Leidensgeschichte in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer weniger mit ihrem Lebensgefühl zu tun. Vielleicht gibt es auch hier eine Verschiebung in der Relevanz. Machen, herstellen können wir das nicht. Aber geistlich aufmerksam sein in der Zeit, die uns gegeben und aufgegeben ist, das können wir wohl.
Es wird und es muss einen Paradigmenwechsel geben. Nicht hin zu weniger Lebensfreude. Aber hin zu mehr Ernsthaftigkeit und zu mehr Tiefgang in allen Dimensionen des Lebens. 

Dass der Osterbrunnen in diesem Jahr nicht geschmückt sein wird, erlebe ich als einen Verlust. Doch diese Kargheit ist erträglich. Es gibt viel, viel Schlimmeres und Härteres. Es wird eben ein stilles, nachdenkliches Ostern werden auch im Gebet für die Leidenden und Sterbenden. In den Morgenstunden auf dem Friedhof und später von unserem Kirchturm herab wird der Choral „Christ ist erstanden“ erklingen als Zeugnis einer Hoffnung, die durch Leid und Tod trägt. Ja, ein merkwürdiges, ein denkwürdiges Osterfest. 

Ich wünsche uns,
dass wir in der Unterbrechung, in der auferlegten Stille,
Gottes Liebe und lebensschaffende Macht erfahren. 

Ihr / Euer
Frieder Jehnes (Senior)

Noch zwei Hinweise:

Zur Pfingsttagung:

Der Rat der Schwestern und Brüder hat noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen, ob wir eine Möglichkeit haben, die Pfingsttagung durchzuführen oder ob die Risiken zu groß sind. Die Entscheidung darüber soll in einer Videokonferenz am 27. April fallen. Wir werden Sie und Euch dann umgehend informieren.

Zur Wahl zum Rat der Schwestern und Brüder:

Es kann keine Wahl stattfinden, da wir trotz allem Bemühen und zwischenzeitlicher Hoffnung am Ende dann doch bei 9 Kandidierenden geblieben sind. Der aktuelle Rat hat vier Berufungen vorgenommen: Ulrich Eckert, Holger Forssman, Falko von Saldern und Jakob Trapp. Damit werden wir auch nach Pfingsten arbeitsfähig bleiben. Eine Vorstellung für alle Mitglieder folgt zu gegebener Zeit. Nicht mehr kandidiert haben: Susanne Böhringer, Karl-Heinz Klose,  Uta Lehner und Karl Mehl. Ihnen möchte ich schon jetzt im Namen aller Mitglieder für ihr großes Engagement danken.