Brief des Seniors

Einen anderen Grund kann niemand legen als den,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus - 1. Kor. 3,11

Vom Reformationsjubiläum zum Advent

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn für ein Gebäude das Fundament gelegt ist, dann ist das Bauwerk auf einem guten Weg. An anderen Dingen können später noch Veränderungen und Korrekturen vorgenommen werden. Nach Katastrophen wie einem Brand oder einem Sturm kann man auf festem Grund wieder aufbauen. Würde allerdings das Fundament wegbrechen, wäre das ein Totalschaden. 
Insofern erscheint das biblische Leitwort für das Reformationsfest als einleuchtend.

Trotzdem hat mir dieses Bild von „Christus als Fundament der Kirche“ schon immer Unbehagen bereitet. Es ist mir zu unbeweglich. Denn das biblische Zeugnis von Jesus Christus ist faszinierend vielfältig. Christus ist als der lebendige Herr gegenwärtig und kommt immer neu und überraschend auf uns zu. Das Bild des Fundamentes dagegen ruft in mir Assoziationen wie „fest zementiert“ und „starr“ hervor. Es kann sogar dazu missbraucht werden, Machtansprüche aufzurichten und Vielfalt zu reglementieren. Dann würde die Kirche an den Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Lebenssituationen vorbeigehen.

Zwar sehnen sich viele Menschen nach festen Grundlagen, Grundsätzen oder Orientierungspunkten für ihr Leben. Darüber hinaus gibt es in manchen Teilen der Gesellschaft eine ausgesprochen reaktionäre Grundstimmung. Ängstlich bis wütend sind dann die Abwehrreaktionen gegenüber Veränderungen. Debatten wie die um eine Obergrenze für Flüchtlinge oder um die sogenannte „Ehe für alle“ (was für ein unsinniger Begriff hinsichtlich der tatsächlichen Lebenswege heutiger Menschen!) sind allerdings nur symbolisch aufgeladene Gefechte. Eigentlich geht es da gar nicht um Inhalte etwa von biblischen Aussagen, es geht um Ordnungsfragen: Um die Angst mancher, dass auch noch die letzten Fundamente wegbrechen - alles was fest scheint und verlässlich. Dass dann Menschen, die außerhalb der herkömmlichen Ordnungen leben, auf der Strecke bleiben oder schon immer auf der Strecke geblieben sind, wird verdrängt oder in Kauf genommen.

Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus: 
Ich glaube, es ist christusgemäß zu sagen und entspricht seiner Lebendigkeit, dass Er nicht will, dass Menschen auf der Strecke bleiben und verloren gehen. 
Das gilt für die einen wie für die anderen.

Die wirklich tiefgreifenden Veränderungen unserer Zeit liegen nicht auf der Ebene von symbolisch aufgeladenen Debatten. Beispielhaft für viele Umbrüche nenne ich die Entwicklung im digitalen Bereich und ein damit einhergehendes funktionalistisches Menschenbild.

Es gibt die Entwicklung hin zu einer umfassenden Selbstoptimierung und tiefgreifenden Kontrolle über das Netz. Es gibt Vorstellungen und Pläne, den Menschen als Mischwesen zwischen biologischem Organismus und digitaler Maschine zu konstruieren. Das ist atemberaubend im wahrsten Sinn dieses Wortes.

Führend auf der Forschungsebene ist z.B. der Internetgigant Google. Ray Kurzweil, dessen Direktor für technische Entwicklungen, sieht die Chance von neuen, technisch generierten Stufen der Evolution. Millionen fließen schon jetzt in die entsprechende Forschung. Keine abgehobenen Spinner sind hier also am Werk; es geht um massive wirtschaftliche Interessen. Sollte das Wirklichkeit werden, könnte es ganz neue Hierarchien geben: Ganz oben eine Elite, die diese Entwicklung vorantreibt und gestaltet, bis sie den Protagonisten buchstäblich selbst über den Kopf wächst. Auf der nächsten Ebene diejenigen, die mehr oder weniger daran teilhaben. Ganz unten schließlich die vielen Menschen
weltweit, die abgehängt werden, hinten runter fallen, Menschen, die den Status einer Verfügungsmasse haben und allenfalls mit „Brot und Spielen“ bei Laune gehalten werden.

Wo wird der Ort der Kirche, der Christen sein?
Werden wir, wie so oft, irgendwie mitschwimmen?

Oder wird uns eine Art Hofnarrenrolle zugestanden – Religion ist gut, wenn sie ablenkt und sich auf diese Weise nützlich macht?

Oder wird der Glaube zur Untergrundbewegung, mit welcher institutionellen Absicherung auch immer?

Meine Prognose geht dahin, dass es noch auf lange Zeit Menschen gibt, die ganz herkömmliche Erwartungen an Kirche und Gemeinde haben. Menschen, die nach gelebter Liebe und Barmherzigkeit suchen. Menschen, die vertraute Glaubensräume nicht nur als Museum erleben wollen, auch wenn ihre Zahl vielleicht allmählich abnimmt. Doch es könnte ja sein: wenn der Zwang zur Selbstoptimierung in einer rationalen Welt immer bedrängender und die digitale Kontrolle immer umfassender wird, dann braucht es Freiräume von der perfekten Verplanung und Selbstoptimierung. Verbunden zum Beispiel mit der zu jeder Zeit neu aufleuchtenden Erkenntnis der Reformation: Alles ist letztlich Geschenk. Und der wahre Gott ist keine totalitär kontrollierende Übermacht, sondern ein gnädiger Gott.

Vielleicht entdecken Menschen dann auch neu die Würde der Vergänglichkeit:
Wir wollen keine fremdgesteuerten Maschinenmenschen sein, sondern sehen uns bewusst als fehlbare Wesen aus Fleisch und Blut, sterblich, endlich, und das ist gut so.

Vom Reformationsjubiläum zum Advent

Vielleicht gilt das, was Martin Luther vor fast 500 Jahren dichtete, dann in einer ganz neuen, revolutionären Weise: „Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten“. Der christliche Glaube ist nichts, was funktioniert oder nützlich ist im rationalistischen Sinne. Weil Gott schon immer so zu den Menschen kommt, wie sie es sich nicht ausrechnen können. Und ihnen gerade auf diese Weise ganz nahe kommt. Das Kommen Jesu in die Welt wurde, das ist zumindest mein Eindruck, zunächst weder von den Mächtigen registriert noch hat es die Mehrheit der Gesellschaft beeindruckt. Und so starb er auch: „draußen vor dem Tor“ (Hebr. 13,12).

Am besten ist es, denke ich, wenn wir uns vorbehaltlos und offen auf das vielfältige und vielstimmige Zeugnis von Jesus Christus in der Heiligen Schrift einlassen und darum bitten, dass dieses Zeugnis Menschen zu jeder Zeit berührt, aufrichtet und tröstet – oft auch ganz ungeplant und überraschend.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Einladung zu unserer Januartagung (8.1. Nürnberg St. Jobst) zum Verhältnis von Diakonie und Ökonomie wurde bereits mit der Stellungnahme unseres Rates zu Kirchenreformen im Zusammenhang mit ,,Profil und Konzentration“ verschickt. Ich würde mich freuen, wenn wir uns begegnen – oder bei der Pfingsttagung 2018 mit dem Thema: „Anders wachsen – nachhaltig handeln“.

Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Advent und erfüllte, frohe Weihnachten.

Ihr/Euer
Frieder Jehnes (Senior)