Januartagung 2018
8. Januar 2018
"Diakonie und Ökonomie"
Eine aktuelle Verhältnisbestimmung
Mit Pfarrer Dr. Mathias Hartmann, Rektor der Diakonie Neuendettelsau
und Gästen aus der Praxis
Bericht von der Januartagung
Am Vormittag referierte Dr. Mathias Hartmann, der Rektor der
Neuendettelsauer Diakonie, am Nachmittag gab es ein Podiumsgespräch, bei dem
zwei Vertreter einer „Diakonie von
unten“ ihre Projekte vorstellten und mit Dr. Hartmann und den Teilnehmerinnen
und Teilnehmern der Tagung ins Gespräch kamen.
Man hätte – im Nachhinein gesehen - für die Tagung auch den
Titel wählen können: „Gerechte Teilhabe
als Grundanliegen heutiger Diakonie“, denn dieses Motiv zog sich durch
sämtliche Beiträge. Dadurch erhielt die Tagung ihre besondere inhaltliche
Würze.
Die Diakonie Neuendettelsau ist mit rund 7200 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern der größte diakonische Träger in Bayern; mehr als 200
Einrichtungen gehören dazu.
Sehr transparent stellte Mathias Hartmann die
Leitungsstrukturen, den finanziellen Rahmen und die Leitbilder dar, innerhalb
derer sich das Unternehmen bewegt, dem er vorsteht. Dass eine große diakonische Einrichtung heute
unternehmerisch organisiert sein muss, hängt für ihn wesentlich mit der
Entwicklung der staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen.
Hartmann beschrieb in diesem Zusammenhang drei Phasen im
Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Diakonie:
Bei der Gründung der Neuendettelsauer Diakonie durch Wilhelm
Löhe im Jahr 1854 ging es neben der bewussten Verankerung im lutherischen
Glauben und dem Auftrag, Hilfsbedürftigen zu dienen, auch darum, jungen Frauen
auf dem Land eine gute Ausbildung und damit einen guten Stand in der
Gesellschaft zu vermitteln. Dieser Ansatz erwies sich in der Folgezeit als sehr
attraktiv.
Nach der Ausbildung arbeiteten die Diakonissen nicht im
Anstaltswesen, sondern wurden in die Gemeinden und damit in die Gesellschaft
gesendet. Insofern war Diakonie Praxisfeld für die Bildung.
Die zweite Phase ist durch das Subsidiaritätsprinzip im
Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft nach 1948 gekennzeichnet. In den folgenden
Jahrzehnten konnte es aufgrund staatlicher Refinanzierung zu einem steten
Wachstum der Diakonie kommen, was auch zu Veränderungen in der Mitarbeiterschaft
führte. 1966 war das Jahr, in dem die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
mit und ohne Gemeinschaftsbindung zahlenmäßig gleichauf lagen, danach ging
diese Schere immer weiter auseinander. Heute machen Diakonissen und Menschen im
Diakoniat noch etwa 200 Personen aus; drei Diakonissen sind noch aktiv. Allerdings
ist die Schwesternschaft nicht nur weiterhin im geschichtlichen
Selbstverständnis präsent, sondern über das Kuratorium auch in die Leitung
eingebunden.
Die dritte Phase ist bestimmt durch die Ökonomisierung der
sozialen Arbeit nach 1990. Der Sozialstaat und der Gedanke der Subsidiarität
verloren an Bedeutung.
Wettbewerb, Konkurrenz zwischen den Wohlfahrtsverbänden und
Kostendruck bestimmen seitdem die
Situation, auch durch europäische Vorgaben.
Wenn die diakonischen Träger ihre Arbeit in bisherigem
Umfang fortführen wollten, waren sie gezwungen, eine Veränderung hin zum sozialen
Dienstleistungsunternehmen vorzunehmen. Gleichzeitig wurde aber die Entwicklung
des christlichen Profils wichtig. Die Mehrheit der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter bringen heute sehr wenig an Glaubenswissen und Glaubenspraxis mit, und
zwar unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglied sind oder nicht. Fortbildungen in
Fragen des Wertekanons, in der Spiritualität und in der Seelsorge werden zunehmend
wichtig.
Für die Leitungskultur ist für Mathias Hartmann das Konzept der „Servant Leadership“ wegweisend, das in den USA zunächst im säkularen Kontext entwickelt wurde und auch Gegenstand seiner diakoniewissenschaftlichen Dissertation war: „good leaders must first become good servants“.
Auch wenn es unterschiedliche Logiken in der Organisation von Diakonie und Kirchengemeinden gibt, so möchte Hartmann dennoch keinen grundsätzlichen Gegensatz aufmachen. Die Form von Diakonie, für die er steht, sei vielmehr eine eigenständige Gestalt von Kirche mit zwar anderer Organisationsstruktur, aber dem gleichen Auftrag verpflichtet. Die Diakonie Neuendettelsau als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechtes sei ein christliches Unternehmen, das im Dienst für Menschen Angebote macht, damit Leben gelingen kann.
Auf die Nachfrage, ob sich Diakonie heute nicht zu sehr der
Eigengesetzlichkeit des wirtschaftlichen Denkens ausliefert, antwortete
Hartmann: Die Rahmenbedingungen machen es nicht leicht, die Bedürfnisse der
Menschen in den Vordergrund zu stellen, aber: Sie seien auch nicht so, dass man
diakonisches Profil nicht leben kann. Es ist wichtig, mit den politisch
Verantwortlichen im Gespräch zu bleiben.
Und auch diese Frage ergab sich im späteren Gespräch: Wie sieht
es aus, wenn die große Neuendettelsauer Diakonie kleinere Diakonievereine oder
Initiativen übernimmt? Nach Mathias Hartmann darf es in einem solchen Fall nicht
darum gehen, dass ein Großer die Kleinen schluckt, um selbst immer größer zu
werden. Es werde vielmehr der organisatorische Rahmen bereitgestellt, damit die
diakonische Identität vor Ort gewahrt und stabilisiert werden könne.
Rektor Dr. Mathias Hartmann während seines Vortrags
Die beiden diakonischen Projekte, die am Nachmittag vorgestellt wurden, waren das Kaufhaus LUCAS aus Marktredwitz und der Kochlöffeltreff Vilsbiburg. Beide haben bei allen Unterschieden im Einzelnen eine wichtige Gemeinsamkeit: Beide sind auf gerechte Teilhabe hin ausgerichtet.
So will das Kaufhaus LUCAS Anlaufstelle für alle Menschen sein, nicht nur für Bedürftige, denn: „Jeder braucht was, jeder hat was zum geben“, so der Marktredwitzer Gemeindepfarrer Christoph Schmidt. Das Kaufen im LUCAS soll allen, die kommen, auch ein Einkaufserlebnis bieten. Zugespitzt formulierte er, dass das Modell „Barmherziger Samariter“, also „spontane Hilfe und bloße Betreuung“ für eine organisierte Diakonie nicht wegweisend sein kann. Geistlich gesehen wurzelt der diakonische Grundgedanke der gerechten Teilhabe für Christoph Schmidt in der Abendmahlsgemeinschaft, geht also wie bei Wilhelm Löhe vom Altar aus. Die Verankerung im Diakonieverein gewährleistet die korrekte wirtschaftliche Abwicklung. Die Partnerschaft mit der Kinderarche in Sarajewo bringt einen zusätzlichen Blick über den Tellerrand und konfrontiert die Engagierten zum Beispiel mit den Nachwirkungen des Jugoslawienkrieges.
Der Kochlöffeltreff Vilsbiburg wurde von Gemeindepfarrer Michael Lenk vorgestellt. Trägerin ist die Diakonie Landshut mit Außenstelle in Vilsbiburg – einer Stadt mit einem besonders hohen Anteil an Alleinerziehenden. Vor diesem Hintergrund wird Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren die Möglichkeit geboten, miteinander zu kochen, die Regeln einer gesunden Ernährung kennen zu lernen und eine gute Tischkultur einzuüben. Gerade als die dreijährige Anschubfinanzierung durch das landeskirchliche f.i.t.-Programm auslief, war dieses Angebot zu einem Markenzeichen sozialdiakonischer evangelischer Kinderarbeit im tiefkatholischen Niederbayern geworden, so dass man diese Arbeit auf gar keinen Fall wieder aufgeben wollte. „Das sind die Evangelischen“ - diese dankbare und anerkennende Reaktion bekommen die Verantwortlichen immer wieder zu hören. Das Problem der Finanzierung konnte so gelöst werden, dass die „Aktion Mensch“ als Sponsor gewonnen wurde - gegen den Widerstand der Landeskirche, was als merkwürdig erscheint, weil die Landeskirche einerseits nicht bereit ist, eine solche Initiative auf Dauer zu unterstützen, andererseits aber lokal getroffene Entscheidungen für den Fortbestand einer wichtigen sozialdiakonischen Arbeit in Frage stellt. Die aufgrund der Kooperation mit einem weltlichen Sponsor verbundene Professionalisierung habe der Arbeit im Übrigen ebenso gut getan wie die Forderung der „Aktion Mensch“, Inklusion voranzutreiben. Die mit diesem Projekt verbundenen Vernetzungen haben auch die Kirchengemeinde weitergebracht, die vorher in sich recht abgeschlossen war.
Was das Verhältnis von Diakonie und Ökonomie betrifft, so spielt es auch eine Rolle, dass die Kinder verbindlich angemeldet werden müssen und ein kleiner Teilnehmerbetrag erhoben wird. Das heißt, Kinder werden sozusagen als Kunden ernst genommen. Auf Nachfrage verteidigte auch Mathias Hartmann den aus der wirtschaftlichen Logik stammenden Kundenbegriff für die Diakonie, weil dieser den Gedanken der Teilhabe am ehesten zum Ausdruck bringe: „Wir müssen wegkommen von dem Gefälle zwischen Betreuern und Betreuten.“ „Diakonie soll aktivierend arbeiten“, und: „Kunden haben Rechte“. Er gab zwar zu, dass es im kirchlichen Bereich unbefriedigend sei, von Kunden zu sprechen, aber man habe noch nichts Besseres gefunden, um dem Grundanliegen der gerechten Teilhabe zu entsprechen.
Frieder Jehnes
Podiumsdiskussion mit Vertretern diakonischer Projekte und Rektor Dr. Mathias Hartmann.
Von rechts nach links: Pfr. Michael Lenk, Kochlöffeltreff Vilsbiburg, Rektor Dr. Mathias Hartmann, Pfr. Christoph Schmidt, Kaufhaus LUCAS, Marktredwitz und als Diskussionleiter Pfr. i.R. Karl-Heinz Klose