Brief des Seniors zu Ostern 2026

Karl-Steinbauer-Haus,
Bamberg, den 27. März 2026

„‘Gemeinde‘ (ἐκκλησία) ist ein eschatologischer Begriff[…]: sie ist kein historisches Phänomen.“1

Rudolf Bultmann

Liebe Schwestern und Brüder,

„Dafür bin ich nicht Pfarrer geworden!“ – schreibt ein schon älterer Kollege im Chat eine Videokonferenz eines Kirchenkreises, in dem es um Strukturreformen innerhalb der Gemeindelandschaft der ELKB geht

Und ein paar Tage später lese ich im Bericht des Landesbischofs vor der Synode in Bayreuth 22.–26. März 2026: „Als Landesbischof versichere ich Ihnen: In der Kirchenleitung will niemand Kirchengemeinden abschaffen. Niemand will den Kirchengemeinden Eigentum wegnehmen. Niemand will das kirchliche Leben vor Ort schwächen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kirchenleitung plant aus Sorge um die Zukunft des kirchlichen Lebens vor Ort. Wir wollen die kreativen Kräfte vor Ort gerade stärken.2

Und der Gemeindebund Bayern stellt fest: „Die Landesstellenplanung der ELKB sieht massive Kürzungen im Gemeindedienst und die Auflösung von Ortsgemeinden vor. Wir fordern die Synodalen auf, die Beschlüsse zu überarbeiten und die Ortsgemeinden wieder ins Zentrum kirchlichen Handelns zu stellen.“ 3


Zu all dem ließe sich jetzt allerlei sagen. Zum Beispiel, was für ein Gemeindebegriff hinter der aktuellen Debatte liegt. Mir scheint ein sehr enger, formalistischer und allein auf Parochialgemeinden bezogener. Ob meine ökumenische Studierendengemeinde da wohl mit drunter fällt?... Ist die nicht um Predigt des Evangeliums und heilige Sakramente versammelt (CA 7)? Ich könnte auch skeptisch fragen, ob das alles so stimmt, was da gesagt oder geschrieben wird. Ein Landesstellenplan wird wohl kaum Ortsgemeinden auflösen können. Oder ich könnte fragen, wie vertrauenswürdig die landesbischöfliche Verlautbarung auf mich klingt. Mich irritieren die vorauseilenden Beschwichtigungen, die in den bischöflichen Sätzen liegt (…versichere ich, niemand will, niemand will, niemand will…). Rechnet da jemand mit Widerstand oder sind die Sätze schon Reaktion auf allerlei widerständige Verlustängste? Schließlich würde mich interessieren, wofür jener Kollege vor vielen Jahren einmal Pfarrer wurde – ich hoffe sehr, dass er diese Entscheidung nicht von der Art der Verfasstheit unserer Kirchengemeinden abhängig gemacht hat.

Es könnte einem Angst und Bange um die Kirchengemeinde werden – aber das Problem ist, dass ich dafür überhaupt keinen Grund sehe. Aus strukturellen Gründen und aus theologischen. Ich erlebe in meinem Umfeld und darüber hinaus ganz viele agile Gemeinden mit guten Ideen. Mit kreativen Immobilienideen, mit Kooperationsansätzen, die neue Horizonte eröffnen, mit Vesper- oder Suppenkirchen, die nahe am Menschen sind, mit schönen Aktionen im digitalen Raum und vielem mehr. Ich erlebe gerade kein oder nur wenig Furcht und Zittern. Es scheint vielleicht doch so zu sein, dass das Gemeinde-Sein einer Gemeinschaft nicht an ihrer strukturellen Verfasstheit liegt. Und dann könnten wir uns die Angst und Bangigkeit tatsächlich sparen und einfach Kirche in der Welt sein. 


Ostern ist kein Fest des Fürchtens oder überhaupt des zwanghaften Festhaltens an alten Dingen. „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ (Mk 16,6) Wenn man da genau hinguckt, dann sieht man, dass die Frauen bei Markus trotzdem noch Furcht haben werden (Mk 16,8), aber schon Matthäus und Lukas streichen das oder setzen  zumindest Freude daneben (vgl. Mt 28,8; Lk 24,9). Wir können nicht Kirche sein, wenn wir davon nicht erzählen. Gegen allen Augenschein, manchmal auch gegen die Vernunft, aber doch wohl immer mit Zuversicht.


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Damit bin ich ganz elegant schon bei der Pfingsttagung 2026. Wir bewegen uns im inhaltlichen Kern der Bayerischen Pfarrgeschwisterschaft: 

Kirche gegen den Hass – Zum Umgang der Kirche mit dem Rechtspopulismus

So lautet das Thema der Pfingsttagung vom 25.05.–27.05.2026 in Heilsbronn mit Regionalbischöfin Bettina Schlauraff. Bettina Schlauraff ist seit 2022 Regionalbischöfin im Bischofssprengel Magedeburg/EKM und beleuchtet mit uns die Frage, wie politisch Kirche sein kann/muss/darf und wie  Kirche mit kritischen Anfragen daran umgeht.

Die Anmeldefrist endet am 28.3.2026 – also meldet euch doch noch schnell an, wenn ihr mögt. Die Formalia: Einzelperson: 110 €, Paare: 170 €, 1Ew mit Kind: 150 €, Familie: 180 € Tagesgast: 60 €. Anmeldung bis zum 28.03.2026 per Mail an pfarrgeschwisterschaft@elkb.de

Zeitgleich die Anmeldegebühr auf das Konto der Pfarrgeschwisterschaft IBAN DE35 5206 0410 0003 3150 29 überweisen. Bitte besondere Essenswünsche (vegetarisch) bei der Anmeldung mit angeben. 

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Jetzt wünsche ich euch auch im Namen der stellvertretenden Seniorin Julia Illner eine nachdenkliche Karwoche und ein erfüllendes Osterfest. 

Ihr/Euer Thomas Braun




Fußnoten:
1 R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie, in: H.-W. Bartsch (Hg.) Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch, Hamburg-Volksdorf 31954, 15–48, 47f.
2 https://landessynode.bayern-evangelisch.de/downloads/26-03-24%20Bischofsbericht.pdf [Zugriff 26.3.2026]
3 https://www.openpetition.de/petition/online/landesstellenplanung-der-elkb-ueberarbeiten-ortsgemeinden-staerken?
[Zugriff am 26.3.2026; die Petition datiert auf den 17.2.2026]